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In drei spanischen Höhlen wurden Farbpigmente vorgefunden, die wohl absichtlich dort an die Wände gebracht wurden und so alt sind, dass sie von Neandertalern stammen müssen.

Times mager

Die Neandermaler

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Auch die Neandertaler konnten symbolisch denken. Und sogleich zieht ein neues Wort Kreise. Und könnte Folgen haben.

Sechsundsechzigtausend Jahre vor Picasso, so die Rechnung. Denn manchmal weiß sich der heutige Mensch, sobald er in größeren Zeiträumen rechnen soll, nicht anders als mit Vergleichen zu helfen. Jetzt war es Picasso, der herhalten musste, denn der Mann war Maler, der Mann war Spanier – also lag es nahe, den Gedanken an einen solchen Jahrhundertmaler wie Picasso mit den 66 Jahrtausende alten Malereien in spanischen Höhlen in Verbindung zu setzen. Bedurfte es doch ganz offensichtlich der Prominenz eines Picasso, um das Prestige des Neandertalers, ob nun spanischer Herkunft oder nicht, erheblich zu unterstreichen.

Die Forschung ebenso wie das Vorurteil haben dem Neandertaler bisher nicht so viel zugetraut wie dem Homo sapiens (allenfalls körperlich, aber künstlerisch ganz gewiss nicht). In diesen Tagen ist allerdings in der Zeitschrift „Science“ der Bericht einer Forschergruppe vom Max-Planck-Institut in Leipzig veröffentlicht worden, aus dem hervorgeht, dass in drei spanischen Höhlen Farbpigmente vorgefunden wurden, die wohl absichtlich dort an die Wände gebracht wurden und so alt sind, dass sie von Neandertalern stammen müssen. Die Abbildungen, dem Dunkel der Urzeit entrissen, lassen den Schluss zu, dass sich die Künstler von 66 000 Jahren in ihrer rötlichen Periode befanden.

Während dieser Kunstepoche war die Heimat Picassos allein ein Siedlungsgebiet des Neandertalers. Dass dieser, rund 20 000 Jahre vor Ankunft des modernen Menschen aus Afrika, kein Höhlenhocker war, vielmehr sehr weit herumkam, belegen die jetzt veröffentlichten Entdeckungen im Nordosten der iberischen Halbinsel, im Westen und im Süden. Gab es, weil man zu Neandertalzeiten tatsächlich sehr mobil war, so etwas wie eine Verständigung darüber, dass man Pferd und Rind nicht nur verfolgte, sondern an den Wänden verehrte. Kam man an den weit, über ganz Spanien verstreuten Feuern von La Pasiega, Maltravieso und Ardales, zusammen, um sich nicht nur über die praktischen Dinge des Lebens unmittelbar brauchbar auszutauschen? Sondern eben auch, um sich unbedingt komplexer zu betätigen, künstlerisch.

Sprach man bisher von Höhlenmalerei aus der Altsteinzeit, dachte man an Lascaux, Altamira oder Chauvet. Die Funde jetzt belegen, dass nicht erst der moderne Mensch symbolisch denken konnte, auch der Neandertaler – der Neandermaler. Kaum entdeckt, zieht das Wort Kreise. Sollte die schillernde Wortschöpfung eine Zukunft haben, muss man fortan weiter ausholen, angefangen in grauer Vorzeit, die eine nicht einmal monochrome Periode war.

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