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"Nationale Realität" des Martin Walser

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das "(un)gestörte Verhältnis zur nationalen Realität" kommt nie aus der Mode - auch nicht bei Martin Walser.

Deutschland ist nach ’45 für eine Vielzahl kritischer Intellektueller alles andere als ein sicheres Herkunftsland gewesen. Auch nicht für Martin Walser, gab er doch 1979, da war er Anfang 50, in der FR zu bedenken: „Ich glaube nicht, dass man als Deutscher meines Jahrgangs ein ungestörtes Verhältnis zur Realität haben kann“, zur „nationalen Realität“, wie er ergänzte, schon gar nicht.

Wie auch immer Martin Walser seitdem über diese besondere Realität nachgedacht hat, für ihn selbst ist es bei einer Verstörung geblieben. Also wiederum von seiner Seite, um die Irritation produktiv zu machen, bei einer Störung der „moralischen Ermüdbarkeit“. Keine Kompromisse, wo es um feiste Vorstöße vorsätzlicher Abtötung des Gewissens vor der deutschen Vergangenheit ging oder um sinnlose „Demokratie-Zeremonien“. Lange bevor der Begriff Symbolpolitik auch in der Bundesrepublik einheimelig wurde, war es Walser, der auf den „Symbol-Service“ einer fatal durchritualisierten Gedenkpolitik ebenso hinwies wie auf den „Symbol-Leerlauf“ einer durchrationalisierten Vergangenheitsbewältigung.

Gelegenheiten taten sich genug auf. Wie sich dazu verhalten? Einen Gedanken von Ernst Bloch abwandelnd, an den Martin Walser noch einmal erinnert, könnte man bei Walser von einem Prinzip des Beharrens auf einer Ungleichzeitigkeit sprechen. Walser hat so etwas wie eine ungleichzeitige Zeitgenossenschaft im tagtäglichen Handgemenge durchgesetzt. Hier, angeführt nicht etwa aus Frankfurter Heimatpatriotismus, sei an seinen Auftritt als Stadtschreiber in Bergen-Enkheim erinnert, 1977, als er rief: „Ich weigere mich, an der Liquidierung von Geschichte teilzunehmen.“

Fortgesetzte Störung der öffentlichen Meinung, der selbstgenügsamen Sitten. Entschieden ist Walser immer wieder auf seine „deutschen Sorgen“ zurückgekommen. Mit zunehmendem Alter allerdings, bei fortgesetzten Sorgen zu unterschiedlichen Anlässen, mochte ihm so etwas wie Heimat nicht mehr nur noch eine prekäre Bleibe sein. Und doch stellt sich Walsers Heimat als Heimsuchung durch das Heikle dar.

Walsers Zugehörigkeit im Herkunftsland und zur Nation nahm zu, trotz dieser schauerlichen Kombi-Nation aus Vergangenheitsvergessenheit und Vaterlandsversessenheit. Das eine wie das andere und beides zusammen abzuwenden, ist nichts anderes, so kann man es jetzt auch in seinen unter dem Titel „Ewig aktuell“ gesammelten Texten aus sieben Jahrzehnten nachlesen, als eine nationale Aufgabe. Sie ist ein Zukunftsprojekt der Moderne, so unentbehrlich wie unabgegolten.

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