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Nass

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Von: Stephan Hebel

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Das Blatt jedenfall ist ein wenig nass.
Das Blatt jedenfall ist ein wenig nass. © dpa

Früher sollten Kinder aufessen, damit morgen die Sonne scheint. Müssen sie bald aufessen, damit es regnet?

Hier ist ein Hinweis an Mitteleuropas Jugend: In jener fernen Zeit, als wir nicht wegen des ununterbrochenen Betrachtens von Funktelefonen, sondern ausschließlich im Zustand der Trunkenheit gegen Laternenpfähle liefen, sprachen wir von „schönem Wetter“, wenn die Sonne schien. Oder auch am Abend, wenn wir, torkelnd, aber äußerlich trocken, in milder Sommerluft gegen Laternenpfähle liefen.

Beim Kochen summten unsere Mütter (Papa war arbeiten) Lieder wie „Auf Regen folgt Sonne, auf Weinen wird g’lacht, dudel, dudel, jedulo“, und später am Tisch ermahnten sie uns, aufzuessen, damit es morgen nicht regnet.

Unsere Kenntnisse von trockenen Gegenden bezogen wir aus Erzählungen vom Krieg (wie weit weg der schien!) sowie aus den Veröffentlichungen von Bernhard Grzimek, in denen exotische Tiere durch sonnenbeschienene Wüstenlandschaften zogen, bis der Löwe kam und sie so restlos aufaß, als wollte er verhindern, dass es jemals regnet. In jenen Gegenden lebten Menschen, die so aussahen wie die kleine schwarze Figur, die immer an der Weihnachtskrippe in der Kirche auf einer Spardose saß und dankbar nickte, wenn wir eine Münze hineinwarfen. Später lehrte uns transatlantisches Liedgut, dass es in Südkalifornien auch nicht regnet, aber ich schwör: Es störte uns nicht.

Im Gegenteil, wir wussten ja aus deutschem Liedgut, dass die Blümchen zugehen und die Schmetterlinge nass werden, wenn es „immerzu“ regnet, und das wollte nun wirklich niemand. Hören Sie ruhig mal hinein, die Blankenlocher Pfinzspatzen haben „Es regnet ohne Unterlass“ noch 2018 ins Internet hineingesungen, das finden Sie leicht.

Im Jahr 2022 reagieren die Leute auf Regen im Herbst wie wir seinerzeit auf Sonnenschein im Sommer. Damals glaubten wir, die pralle Gesundheit der Natur zu riechen, heute schnuppert alle Welt (also unsere), wie das Wasser in der überhitzten Luft einen besonderen Duft zu entfalten scheint. Früher, sagt der ältere Mann am Imbiss auf dem Baumarkt-Parkplatz, früher mussten wir aufessen, damit es nicht regnet. Wann sagen Eltern ihren Kindern, sie sollten nichts übriglassen, damit die Sonne nicht scheint? Nein, die Kinder essen heute so viel, wie sie wollen, das war jetzt Unsinn. So der ältere Mann am Imbiss, wo es nun stinkt, weil ein anderer älterer Mann gemütlich den Motor laufen lässt, während seine Begleiterin rasch am Obststand einkauft.

Das Gespräch am Imbiss wendet sich inzwischen der Frage zu, wann und wo der Regen wohl wieder einen der ausgetrockneten Flüsse über die Ufer treten lässt. Der Motor läuft immer noch, und langsam hört es auf zu regnen, viel zu früh.

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