Ob ein- oder mehrfarbig: Mit viel Konzentration bekommt manch ältere Dame ihre Nägel mitunter besser hin als Jüngere.
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Ob ein- oder mehrfarbig: Mit viel Konzentration bekommt manch ältere Dame ihre Nägel mitunter besser hin als Jüngere.

Times mager

Nagellack

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Über eine unerwartete Begegnung in der Straßenbahn.

Sie hatte Fingernägel, die an eine dieser Plastiktafeln erinnerten, die manchmal beim Nagelstudio im Fenster stehen: jeder Nagel in einer anderen Farbe lackiert. Nur waren ihre Nägel viel schöner als die aus dem Schaufenster: nicht ganz so lang, vorne zu eleganten, weil dezenten Rundungen gefeilt; die Farben harmonierten miteinander, von Rostrot bis Beige.

Sie saß in der Straßenbahn gegenüber, und weil die Nägel so hübsch und akkurat aussahen, schaute man mehr oder weniger die ganze Zeit drauf. Ein wenig lag es auch daran, dass ihr Kopf hin und her wackelte und man nicht in den Verdacht geraten wollte, zu starren. Ein altes Problem: Schaut man weg, ist es blöd, schaut man hin, starrt man. Optimal wäre, man machte sich diese Gedanken gar nicht erst, aber das Kopfkarussell ist häufig schneller.

So schaute man also auf die Nägel und guckte erst hoch, als sie das Gespräch eröffnete. Es ging zunächst um konkrete Fragen zur Route der Straßenbahn, aber schon bald kam man ins Plaudern über dies und das. Über einen Umzug in eine betreute Wohnresidenz, über neue, weiß lackierte Möbel, über nette Helfer, die letztere in ersteres trugen.

Sie selbst, so die Dame mit den Nägeln, könne dergleichen ja nicht mehr erledigen, der Tremor, es sei ja offensichtlich. Es war offensichtlich. Und auch wieder nicht. Das Wackeln mit dem Kopf und – ja, auch mit den Händen – war zwar enorm. Kaum vorstellbar, wie man sich damit ein Brot schmieren kann. Während sie aber erzählte, so amüsant und entspannt, geriet diese Wahrnehmung vollkommen in den Hintergrund.

Sie sei doch hoffentlich nicht aufdringlich, fragte die Dame, die man von selbst niemals angesprochen hätte, die sehr wohl wusste, dass man sie von selbst niemals angesprochen hätte und sich deshalb vermutlich häufiger dazu entschließt, den ersten Schritt zu tun. Aber nein. Es war die unterhaltsamste Bahnfahrt seit Ewigkeiten.

Wo sie eigentlich ihre Nägel machen lasse, fragte man zum Abschied, kurz vor der Zielhaltestelle. Die mache sie selbst, sagte da die Dame und strahlte, als habe sie die ganze Zeit auf genau diese Frage gewartet. Ganz langsam, mit viel Konzentration bekomme sie das hin.

Beim Selbstversuch zu Hause geht – wie schon bei vorausgegangenen Versuchen, die man genau deshalb schon lange nicht mehr unternommen hatte – wieder einiges schief. Wortwörtlich. Sollte die Dame aus der Bahn noch einmal auftauchen, wird man vielleicht mal nach ihrer Adresse fragen. Womöglich nimmt sie Aufträge an.

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