+
Nicht alle älteren Herren mit Sandalen und Socken sind Deutschlehrer, das hindert sie aber nicht daran, sich gewählt auszudrücken

Times mager

Nachen

  • schließen

Hier spricht der pensionierte Deutschlehrer und benutzt gleich ein schönes Wort, das zum Nachdenken anregt.

Man neigt ja dazu, eine bestimmte Gruppe von Männern für pensionierte Deutschlehrer zu halten. Das ist – je nach Perspektive – ungerecht oder zu viel der Ehre, denn natürlich stellt das Tragen grauer Bärte, randloser Brillen und schlammfarbener Outdoorwesten über karierten Hemden kein Privileg eines einzelnen Berufsstandes dar. Denken Sie nur an all die ehemaligen Geschichtslehrer!

Als aber der Mann am Nebentisch zu sprechen anhob, war die Zeit des Zweifelns vorüber. Die Brise, die den Sonnenuntergang begleitete, war kühl, aber der Mann hatte mittels weißer Socken, mit denen er in seine Sandalen geschlüpft war, vorgesorgt, und so genoss er das kalte Bier, das ihn beim Blick auf den gerade noch beleuchteten Atlantik begleitete.

„Ein kleiner Nachen führt wohl auf Bächen und Lachen; aber auf Meereswellen muss er zerschellen“, deklamierte der Mann das einschlägige Sprichwort. Tatsächlich fiel der Blick der Umsitzenden, allesamt Deutsche, sofort auf ein winziges Boot, das an der Küstenlinie entlangfuhr.

Nachen!, rief die Sitznachbarin des Philologen, es sei ihr eine große Freude, das Wort wieder mal gehört zu haben. Und das mit Lachen!, ergänzte ein haarloser Herr. Was da zum Lachen gewesen sei, fragte die eben noch begeisterte Dame. Nein: Lachen!, wiederholte der Haarlose, das „a“ übertrieben lang betonend.

Nun wieder der Philologe: Der Nachen, mit langem a, stelle eines jener Substantive dar, die sowohl im Singular als auch im Plural gleichlautend verwendbar seien: Der Nachen, die Nachen, egal, während die Lachen, ebenfalls langes a, nur als Plural der Lache (langes a) zu gebrauchen seien, denn von der Lache (kurzes a) gebe es gar keinen Plural, genau wie von dem Lachen (kurzes a), das ebenso einsam, weil plurallos durchs Leben gehe wie etwa das Machen oder auch der Regen.

Der ja nun hier auf der Insel nicht einmal im Singular erschienen sei, fügte der Haarlose hinzu, worauf die nebensitzende Dame ausrief: ein Segen!

Er stimme zu, so der Philologe, dass kein Regen im Urlaub ein Segen sei, der Segen also geradezu das Gegenteil von Regen. Rein sprachlich gehe es dem Segen allerdings wie dem Regen, denn ein Plural sei ihm verwehrt, obwohl es ihn mehrmals gebe, sogar jeden Sonntag. Und übrigens, schloss der Philologe, sei er froh, das Deutsche nicht erlernen zu müssen. „Ein Segen, aber keine zwei Segen. Ein Sägen? Auch kein Plural, aber: Eine Säge, zwei Sägen.“

Der Nachen war inzwischen am Ufer angekommen, doch der Haarlose murmelte vor sich hin: „Ich sag mal: Kahn.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion