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Die Schneekugelsammlung der Verstorbenen lässt die TV-Kommissare konsterniert zurück.

Times mager

Nachbarn

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In Fernsehfilmen ist es so: Hier kennt keiner seine Nachbarn, keiner kümmert sich um den anderen.

Im ZDF-Krimi sind wieder alle ganz bestürzt. Die Frau lag vier, fünf Tage tot in der Wohnung, niemand hat sie vermisst, keine Freunde weit und breit, keine privaten Telefonanrufe im zurückliegenden Monat. Die Wohnung ist ein bisschen kleinteilig eingerichtet. Stofftiere hängen zur Verzierung an den Gardinen. Das sieht man tatsächlich nicht jeden Tag, aber was soll’s. Die Damen und Herren vom Kommissariat sind besonders konsterniert angesichts einer Schneekugelsammlung, und jetzt sagt zum vierten Mal einer, die Frau müsse ganz schön einsam gewesen sein. Damit es keine Zuschauerin verpasst, weil sie zum Beispiel nebenbei mit Freunden einen leckeren Gemüseauflauf kocht oder telefonisch den Brunch am Sonntag verabredet, wird es nachher noch ein fünftes Mal gesagt. Abscheulicher als die Schneekugelsammlung und ihre Einsamkeit – die Frau tut ihnen nicht mal leid, sie kommt ihnen nur irgendwie irre vor – findet das burschikose, aber auch herzliche Ermittlungsteam das Mietshaus, in dem die Tote lag.

Hier kennt keiner seine Nachbarn, keiner kümmert sich um den anderen. Erst der Paketbote, aber auch der mit der skandalösen Verspätung von mehreren Tagen, ist misstrauisch geworden. Besonders übel: Einer der Nachbarn ist kaum in der Lage, mit der Polizei ein Haustürgespräch zu führen. Er will die Polizei auch ungern hereinlassen. Er weiß eh nichts über die Frau oder sonst wen. Die Polizei ist sich mit den Autoren des Drehbuchs dahingehend einig, dass ein solcher Mann verrückt sein muss. Die Polizei nennt es verrückt, die Drehbuchautoren führen dann noch den Begriff Sozialphobie ein.

Es ist nicht leicht, in einer Welt zurechtzukommen, in der vorausgesetzt wird, dass man seine Nachbarn, ihre Namen und Gewohnheiten kennt. Die junge Frau rechts spielt Bratsche, der Herr gegenüber spricht spanisch, neben ihm wohnt ein Jogger, der seine Turnschuhe im Hausflur stehen lässt. Das fitte Ermittlungsteam wäre damit nicht einverstanden. Auch nicht damit, dass die heimkehrende Frau von hinten links erst am nächsten Tag die Hausverwaltung anrief, als einmal eine Wohnung offen stand. Die Bratschistin erzählte dann, die Wohnung stehe seit einigen Tagen offen. Man wollte sich nicht einmischen, sieht nun aber vor sich, wie der impulsive Kommissar dreinschauen und seine Kollegin sagen würde: Ach, und das hat Sie gar nicht gekümmert all die Tage?

Was bleibt von solchen Fernsehabenden, ist eine gewisse Verlegenheit und das Bedürfnis, eine Schneekugel anzuschaffen. Schneekugeln sind unterhaltsam und unaufdringlich.

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