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Die Nachbarin

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Selbst nette, normale Leute möchten mitunter  gerne wissen, was sich hinter der Nachbartür abspielt. Man muss sich ja nicht gleich kümmern wollen.
Selbst nette, normale Leute möchten mitunter gerne wissen, was sich hinter der Nachbartür abspielt. Man muss sich ja nicht gleich kümmern wollen. © Imago

Es ist keine gute menschliche Angewohnheit, über Personen zu sprechen, die man nicht kennt, die man nicht im Begriff ist kennenzulernen und für die man rein gar nichts zu unternehmen bereit ist. Ein belauschtes Gespräch im Regionalzug.

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Das junge Pärchen ist auf dem Weg zum Fernzug, viel Gepäck, ein eingespieltes Team. Das Wort Kosmetikkoffer geht ihm routiniert von den Lippen. Dazu auch viel Reiselaune, aber von der erfreuten Art. Schafft er in Frankfurt noch eine Zigarette? Kann sie sich ein Brötchen holen?

Dann kommt das Thema auf die Nachbarin der jungen Frau. Sie hat sie noch nie gesehen. Der Besuch der Pflegekraft hat sie am frühen Morgen wieder aufgeweckt, das Auto, die Türschlösser. Man riecht im Hausflur, wenn die Wohnungstür offen war. Angenehm sei das nicht, findet die junge Frau. Sie frage sich oft, ob die Frau überhaupt aufstehen könne. Wer bei ihr die Wohnung saubermache, warum das Fenster nie geöffnet werde. Und auf dem Balkon habe es den ganzen Sommer über nicht eine einzige Blume gegeben, das zerreiße ihr schier das Herz. Der junge Mann erinnert sich daran, dass er einmal gesehen hat, wie die Balkontür offen stand. Und er macht darauf aufmerksam, dass eine Wohnung, in der sich vermutlich niemand mehr groß bewege, gewiss nur alle zwei Wochen einmal gesaugt und feucht durchgewischt werden müsse. Feucht durchgewischt: Der junge Mann kennt sich aus und stellt sich den Aufgaben des Alltags. Er weiß auch noch, dass seine Großeltern sich am Ende nicht mehr sonderlich für Blumen auf dem Balkon interessierten. Trotzdem, beharrt die junge Frau, ein paar Blumen, dann sähe das doch schon ganz anders aus. Er wechselt das Thema.

Es sind nette, normale Leute. Vielleicht gehört eine sehr lange Silvesternacht und die allgemeine Demoralisierung zum Jahreswechsel dazu, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass es dennoch eine widerwärtige menschliche Angewohnheit ist, über Personen zu sprechen, die man nicht kennt, die man nicht im Begriff ist kennenzulernen und für die man rein gar nichts zu unternehmen bereit ist. Es ist das Mitleid, das einem in den Romanen von Charles Dickens begegnet. Es führt zu nichts, es ist von gleichmütiger Neugier nicht zu unterscheiden, es ist sentimental (schier zerrissene Herzen), es dient der Selbstvergewisserung des eigenen kleinen Glücks (Blumen auf dem Balkon).

Wobei es selbstverständlich ungezogen ist, anderen Menschen im Regionalzug zuzuhören. Und wenn man es schon getan hat, sollte man ab heute wieder daran denken, dass es der Nachbarin nicht ergehen wird wie der Rentnerin, die jüngst nach anderthalb Jahren in ihrer Lohfeldener Wohnung gefunden wurde. Und dass Blumen auf dem Balkon etwas Schönes sind und Lebenszugewandtheit ausstrahlen.

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