Verbaler Vandalismus: Die Museumsinsel soll durch nächtliche Partys immer häufiger vermüllen.
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Verbaler Vandalismus: Die Museumsinsel soll durch nächtliche Partys immer häufiger vermüllen.

Times mager

Museumsinsel

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Bisher keine Spur von einem Täter oder einer Täterin nach den Attacken auf die Kunstwerke in Berlin. Ein Indiz, dass der Vandalismus nicht ideologisch motiviert ist?

Vandalismus ist in den meisten Fällen darauf erpicht, eine Spur zu hinterlassen. Es ist sozusagen der Normalfall. Nicht dass dieses Verbrechen damit Name und Anschrift preisgeben wollte, natürlich nicht, aber doch wie selbstverständlich seine Herkunft, einen ideologischen Fingerabdruck. Kunsträuber agieren in der Anonymität, Kunstschänder bekennen sich in aller Öffentlichkeit zu ihren Taten, besonders brutal zuletzt die Taliban nach der Sprengung der Buddhastatuen von Bamian oder der IS in Syrien und im Nordirak.

Von dem Täter oder den Täterinnen in Berlin fehlt seit Tagen jede Spur, kein Bekenner-, kein Bekennerinnenschreiben zu den Attacken auf der Museumsinsel. Das macht die Anschläge bisher umso unbegreiflicher, unfassbar sowieso (um eine Floskel unserer Tage nicht zu verabsäumen). Da sich die Aggressionen allerdings unter anderem gegen Kunstwerke des Alten Ägypten richteten, lässt sich vermuten, dass sich da gezielte Ressentiments gegen das Unvertraute, das Unverständliche, das Fremde ausgetobt haben. Vandalismus ist eine Form der Fremdenfeindlichkeit, auch in diesem Fall wurde er exekutiert an Skulpturen – Menschenbildern.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, hat die Attacken als eine „neue Bedrohungslage“ bezeichnet – was eine Einschätzung ist, die vermuten lässt, dass Parzinger Hinweise auf die Täter hat? Indizien, die vermuten lassen, dass die Aggressionen, die mit dem Zerstörungswerk des IS und der Taliban offensichtlich nicht gleichzusetzen sind, doch zu vergleichen sind, also auch mit dem Vernichtungswillen, mit dem religiöse Fundamentalisten in Museen in Kairo oder Bagdad wüteten.

Der Vergleich des Berliner Anschlags auf mehr als 60 Kunstwerke mit den Schrecknissen in Bagdad, Bamian oder in Palmyra stellt keineswegs eine Bagatellisierung des bisher umfassendsten Attentats in der deutschen Kunstgeschichte der Nachkriegszeit dar. Die Aggression gegen die Artefakte beschwören einen Ausnahmezustand herauf. Zumal da ein weiterer Hinweis Hermann Parzingers ist: „Ich frage mich schon auch, was in unserer Gesellschaft eigentlich derzeit vorgeht. Wenn man sieht, wie vermüllt die Museumsinsel ist, nachts werden Partys gefeiert, seit der Corona-Krise nimmt das inzwischen Züge an, die schlimm sind.“

Parzinger berichtet, dass sich infamste Verschwörungsdemagogen „auf der Treppe des Alten Museums“ spreizen: „Das sind Entwicklungen, wo man keinen Respekt mehr vor so einem wirklichen Weltkulturerbe wie der Museumsinsel hat.“ In der Tat, das ist verbaler Vandalismus, dessen ideologischer Fingerdruck darin besteht, die Vielfalt des Weltkulturerbes mit Füßen zu treten.

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