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In den Niederlanden kennt ihn jedes Kind: Eduard Douwes Dekker alias Multaluli.

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Multatuli

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Eduard Douwes Dekkers „Max Havelaar“: Die Feuilleton-Kolumne über einen, dessen Gewissen den Kolonialismus nicht aushält.

Multatuli, der unter anderem dem Ingelheimer Schachclub, einer Ingelheimer Straße sowie einem Ingelheimer Landgasthof – welcher inzwischen ein buddhistisches Meditationszentrum ist – seinen Namen gab, gehört trotzdem zu jenen Figuren, die auch in unserer Gegend berühmter sein müssten, als sie sind. Vor 200 Jahren wurde Eduard Douwes Dekker in Amsterdam geboren, knapp 67 Jahre später starb er in Ingelheim am Rhein. Knapp zehn Jahre lang hatte er zuvor in Wiesbaden gelebt, wo er sich als Akteur (selbstverständlich mit todsicherem System) und Feuilletonist („Millionenstudien“) in der Spielbank tummelte. In den Niederlanden sollten jede Schülerin und jeder Schüler seinen Roman „Max Havelaar“ kennen, so wie unsereiner Goethes „Faust“ kennt. Das heißt, in den Niederlanden kennen ihn alle, aber man weiß nicht genau, wie gut.

„Max Havelaar“ (1860) ist ein literarisch bis heute kühn wirkendes Buch, mit autobiografischen Zügen, abrupten Perspektivwechseln und Collageelementen sowie einem ausgeprägten Sinn für Satire, die – das ist das Überraschendste daran – mit heiligem Zorn einhergeht. Es ist der Zorn des arglosen, intelligenten Titelhelden und Kolonialbeamten auf Java, der allmählich begreift, dass Korruption und namenlose Brutalität gegen die Bevölkerung keine Einzelfälle sind, gegen die anzukommen wäre, sondern zur Struktur des Kolonialismus gehören. In der Heimat weiß man nichts davon, und, wie sich zeigt: Man will auch nichts davon wissen. Havelaars Gewissen hält das nicht aus. Er kündigt. Finanziell ist das sein Ruin.

„Multatuli“ („Ich habe viel ertragen“) springt am Ende praktisch aus dem Roman heraus, stellt sich vor und benennt und verwirft die zu erwartende Kritik am „Max Havelaar“ in einer tollen Drehung. „,Das Buch ist bunt … es ist kein sinnvoller Aufbau enthalten … Effekthascherei … schlechter Stil … der Autor ist ungeübt … kein Talent … keine Methode‘. Gut, gut, alles gut! Aber … DER JAVANER WIRD MISSHANDELT! Denn: die Widerlegung der HAUPTBEDEUTUNG meines Werkes ist unmöglich!“ Auch der Ärger, den er dann bekam, führte zum Umzug nach Wiesbaden.

Natürlich lebt der Ankläger Multatuli in einer vertrauten Welt. Dass sich am Prinzip nichts geändert hat, obwohl es längst nicht mehr notwendig ist, sich durch einen Roman darüber aufklären zu lassen, wie es anderswo zugeht, bedrückt und verschärft die Mitverantwortung, aber hoffentlich auch den Blick. Zur moralischen Orientierung „Max Havelaar“ zu lesen, ist hilfreich. Außerdem ist es – immer schon war es eine wohlkalkulierte Fehlinformation, dass das eine das andere ausschließe – sehr unterhaltsam.

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