1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Morse

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Wird bei Tatort-Dreharbeiten der Schrank mit den alten Platten geöffnet und eine Oper oder ein wenig Bach herausgezogen, dann legt entweder der Mörder oder das Opfer auf.
Wird bei Tatort-Dreharbeiten der Schrank mit den alten Platten geöffnet und eine Oper oder ein wenig Bach herausgezogen, dann legt entweder der Mörder oder das Opfer auf. © Imago

Schon haben wir angefangen, an unserem Verstand zu zweifeln: Aber es gibt einen Klassik-Liebhaber im TV-Krimi, der weder verrückt noch ein Schwächling ist.

Der „Tatort“ führt uns bereits seit längerer Zeit auf die falsche Fährte. Wird bei den Dreharbeiten der Schrank mit den alten Platten geöffnet und eine Oper oder ein wenig Bach herausgezogen, dann legt entweder der Mörder oder das Opfer auf. Sogenannte E-Musik zu hören, ist aus Sicht von offenbar 95 Prozent der Drehbuchautoren und Drehbuchautorinnen ein Zeichen für Irrsinn oder Schwäche oder Schlimmeres. Es sind jedenfalls immer die anderen, die das hören. An Ort und Stelle, ins Opernhaus, in den Konzertsaal begeben sich übrigens ebenfalls die anderen, dann sind sie aber meistens keine Verrückten oder Schwächlinge, sondern Kapitalisten. Und Kapitalistinnen. Kapitalisten und Kapitalistinnen sind im „Tatort“ die ärgsten. Ihnen wird sogar ein Vorwurf daraus gestrickt, dass sie einen Mord nicht begangen haben. Denn dann haben sie sich nicht einmal die Hände schmutzig gemacht. Für die Vorstellung, man könnte in die Oper gehen, weil man sie liebt, ist hier kein Platz.

Schon haben wir angefangen, an unserem Verstand zu zweifeln (da sieht man es wieder: ganz labile Leute), sind aber noch rechtzeitig auf eine Krimialternative gestoßen, die in Deutschland charakteristischerweise nicht sehr bekannte Serie „Der junge Inspektor Morse“. Der junge Inspektor Morse – die 7. Staffel ist gegenwärtig in der ZDF-Mediathek abzurufen – hört sehr gerne und oft klassische Musik. Dass er etwas davon versteht, sichert ihm bei manchem Fall sogar einen Vorsprung. „... un’altro bacio ...“: Kriminalistisch gibt das noch nicht viel her, selbst wenn man Italienisch kann. Zumal die Serie in den Sechzigerjahren spielt und sich nicht jede Wissenslücke rasch wegtippen lässt.

Morse hört also zu Hause ständig ausgezeichnete Musik und ist im Umgang manchmal anstregend, aber weder labil noch zwielichtig. Er ist die personifizierte Integrität. Als er seine erste Leiche sieht, wird er ohnmächtig. Als er einem aufgebrachten Tiger gegenübersteht, bemüht er sich, die Frau und das Baby hinter sich zu verstecken, und als der Tiger springt, bleibt er stehen und schlägt bloß die Hände vors Gesicht, damit er nicht noch dabei zusehen muss, wie er gefressen wird. (Ausreichend kolonialistisch versierte andere Briten sind aber zur Hand, um das Tier zu erschießen, damit kennen sie sich aus.)

Die Handlungen sind so kompliziert, dass ein herkömmlicher „Tatort“ sich dazu verhält wie ein Kreuzworträtselgroschenheft zu einem „Um die Ecke gedacht“. Morse hasst seinen Vornamen und lässt ihn konsequent weg. Dafür ist die komplette Serie im Original mit eben diesem Vornamen betitelt. Das gehört zur ausgleichenden Macht des Subtilen, die dem Königreich aus dem Blick geraten ist.

Auch interessant

Kommentare