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Der Kaiser flaniert wundersam vervielfacht durch die Straßen, erkennbar an seinem auf Bartlose etwas kompliziert wirkenden Bart.

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Monarchie

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Kaisers Geburtstag bei Kaiserwetter. Das gibt es nur in Bad Ischl.

Man denkt, man hätte alles gesehen, und dann hat der Kaiser Geburtstag. Unzählige Male über all die Jahre ist dieser Tag unmerklich an den Ahnungslosen vorübergegangen, aber wen der Weg nach Bad Ischl führt, der kann davor nicht länger die Augen verschließen. Der Kaiser hat Geburtstag bei Kaiserwetter, und in der Messe, denn freilich hat der Kaiser an einem Sonntag Geburtstag, wird die Kaiserhymne gesungen.

Dies berichtet nachher mit so einem Glühen im Blick die sehr junge Frau, die eine Führung in der Franz-Lehár-Villa anbietet. Der Besuch der Franz-Lehár-Villa am Franz-Lehar-Quai ist ein Bad Ischler Muss. Die junge Frau berichtet, dass die jüdische Gattin Lehárs verschont geblieben sei, da Hitler die Musik vom Lehár so gerne gehört habe. Jedoch sei die Gestapo immer wieder vorbeigekommen, und einmal habe nur die Anwesenheit des Komponisten selbst Schlimmeres verhindert. Darauf habe man Sophie, wann immer Franz reisen musste, „an verschiedenen Stellen im Salzkammergut versteckt“. Gemälde wie dieses, die den Kaiser noch ohne Bart zeigten, seien höchst selten.

Der Kaiser flaniert wundersam vervielfacht durch die Straßen, erkennbar an seinem auf Bartlose etwas kompliziert wirkenden Bart. Er trägt einen blauen Rock und einen Säbel, manchmal aber auch ein schmuckes Jägersgewand. Wer zu jung ist, um Kaiser zu sein, trägt gleichfalls einen blauen Rock und einen Säbel oder ein schmuckes Jägergewand. Frauen tragen Krinolinenkleider. Wer Trompete oder Fanfare oder so spielen kann, bläst ein Halali oder eine Wachablösung oder so. Dass ein Herrenchor gepflegte Lieder singt, klingt penetrant, ist aber entspannt.

Entspanntheit ist das Gebot der Stunde. Passanten mit preußischen Vorfahren lächeln von oben herab. Frankfurter trinken eine rote Bowle aus dem Angebot der SPÖ-Frauen. Wer aber weich wird, umkreist den Stand von www.monarchisten.org und schaut sich an, was man sonst selten sieht: echte Monarchisten. Auf der Netzseite kann man sich hinterher darüber informieren, dass die Rückkehr zur Monarchie „gerade in Österreich keinesfalls einen Verfassungsbruch darstellen würde“. Die Monarchie sei vielmehr „eine völlig gleichwertige und seriöse Alternative zur Republik, welche auf Grundlage der bestehenden Verfassung eingeführt werden könnte“. Nach Jahren der „Missinformation“ eröffne eine „neue, unbelastete Generation, welche zumindest neutral und erstmals offen für Änderungen in allen Richtungen ist“ eine „reelle Chance“, den Wert der Monarchie zu erkennen. An dieser Stelle müsste man mit der roten Bowle Joseph Roth zuprosten, aber schon ist das Glas leer. Ein Teufelszeug.

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