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Das Notenbuch des Streichquartetts Nr. 11 f-Moll op.95 von Ludwig van Beethoven wird als Teil der Ausstellung „Beethoven - Menschenwelt und Götterfunken“ in der Nationalbibliothek ausgestellt.
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Das Notenbuch des Streichquartetts Nr. 11 f-Moll op.95 von Ludwig van Beethoven wird als Teil der Ausstellung „Beethoven - Menschenwelt und Götterfunken“ in der Nationalbibliothek ausgestellt.

Times Mager

f-Moll

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Frau T. hieß eigentlich Frau Th. und war eine Klavierlehrerin, wie sie die Hölle erfindet.

Frau T. war sehr deutsch und sehr reaktionär, und es passte zu ihr, dass sie gar nicht Frau T. hieß, sondern Frau Th. So wie einst, vielleicht zu Beethovens Zeiten, die „Thür“ und das „Thor“ oder auch der „Thor“, der germanische Donnergott, das trifft es. Frau Th. war Klavierlehrerin und ein lebender Beweis dafür, dass auch der Umgang mit menschenfreundlicher Klangkunst vor unfreundlicher Gesinnung nicht schützt. Was nach Beethoven komponiert worden war oder zumindest nach Johannes Brahms, verstorben 1897, das zählte nicht.

Frau Th. war der Alptraum eines jeden Mittwochs, eine ganze Jugend lang (nicht ihre – was sie da tat, wollen wir gar nicht wissen). Ihre Aufforderung, „bis zur Vergasung“ zu üben, klang übel in einem Haushalt, in dem zum Glück früh gelehrt wurde, was dieses Wort bedeutete. Dem Üben tat das Abbruch, und beim Aufwachen schon meldete sich, wenn Mittwoch war, dieses unangenehme Magengrimmen, das erst am Ende der musikalischen Züchtigungsrunde vergehen würde.

Zwei Wunder verbinden sich dennoch mit der Erinnerung an Frau Th. Erstens: Auch unter ihren Händen konnte Beethoven wie ein Erlösungsversprechen klingen. Weshalb der Schüler mit allen Tricks versuchte, Frau Th. das Klavier in jeder Stunde so lange wie möglich zu überlassen. Das war die einzig mögliche Erlösung von der stetig wiederholten Erfahrung, das eigene Spiel so klingen zu hören, wie es klang: ungefähr so, wie die Schritte eines beinamputierten Tanzbären aussehen müssten.

Das zweite Wunder: Auch wer auf diese Weise mit klassischer Musik vertraut gemacht wurde, kann sie lieben. Was vielleicht nicht für die Widerstandskraft des Lernenden spricht, sehr wohl aber für die Kraft der Musik.

Warum gerade Beethovens f-Moll-Sonate opus 2 Nr. 1 so farbtreu im Gedächtnis haftet, wird nie zu ergründen sein. Jedes Klavier, das irgendwo herumsteht, muss sich noch heute mit der unbeholfenen Wiedergabe der ersten Takte beklimpern lassen. Oder mit dem Anfang des zweiten Satzes, jetzt in F-Dur, dessen lyrisches, leicht stockend-schüchtern sich aufbauendes Motiv mehr Gefühle weckt als jeder Vierviertelhit aus dem 20. oder 21. Jahrhundert.

Sehen Sie, das klingt jetzt schon genauso reaktionär wie Frau Th., und das ist gegenüber der zeitgenössischen Klangwelt, die, wie zu hören ist, auch Großartiges zu bieten hat, zutiefst unfair und dem Gedenken an Beethoven unangemessen.

Übrigens: Auf intensivstes Drängen hin hat Frau Th. ein einziges Mal etwas Modernes mitgebracht: keinen Pop, sondern „Der kleine weiße Esel“ von Jacques Ibert, gestorben 1962. Wahrscheinlich als Abschreckung, denn Beethoven klang viel besser.

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