Lassen wir ihnen die Freude und empfehlen wir reinen Herzens den Katalog „Die moderne Hausfrau“.
+
Lassen wir ihnen die Freude und empfehlen wir reinen Herzens den Katalog „Die moderne Hausfrau“.

Times mager

Modern

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
    schließen

Man sollte es mit der Metaphorik nicht zu weit treiben. Allein der Hinweis, man bewege sich mit ihr nicht selten auf dünnem Eis, ist so naheliegend wie heikel.

Seit Hans Magnus Enzensberger vor 60 Jahren den Neckermann-Katalog rezensierte, ist dieses Genre aus dem deutschen Feuilleton nicht mehr wegzudenken. Meistens aber tun die Besprechungen der modernen Hausfrau Unrecht, die doch auch nichts anderes will, als sich das Leben nicht nur durch reichhaltige Bestellungen, sondern auch durch die vorgeschaltete Lektüre der Angebote zu verschönern. Lassen wir ihr die Freude und empfehlen wir reinen Herzens den Katalog „Die moderne Hausfrau“, der soeben der Zeitung beilag.

Es beginnt auf dem Titel mit einer Isolierkanne – schon das Wort vermag zu elektrisieren in diesen Zeiten der sozialen Verarmung! Ihr entrinnt eine rote Flüssigkeit, die derart deutlich an den von einst vertrauten Hagebuttentee erinnert, dass einem nicht nur das Herz, sondern gleich auch der Magen übergeht.

Besondere Beachtung verdient allerdings die sprachliche Gewandtheit der Autorinnen und Autoren. Passen Sie auf: Teebeutelzange? „Gut ausgedrückt!“ Teemännchen? „,Cooler Typ‘ für Heißes!“ Jetzt fragen Sie, was ein Teemännchen ist, ein Silikon-Teemännchen gar? Das ist eine Art Tee-Ei, obendran eine Figur aus Silikon, und die stellt einen Mann dar, wie es ihn selten gibt, beziehungsweise ein Männchen: „Dank Silikon wird es nicht heiß und kann angefasst werden.“ So etwas soll sich schon so manche moderne Hausfrau erträumt haben.

Wir übergehen dezent den Ei-Köpfer („Zeigt der Schale die Zähne! – Die moderne Art, Eier zu köpfen!“), ebenso den ergonomischen Multi-Deckel-Öffner („Der knackt sie alle!“) und verfolgen stattdessen weiter die sprachlichen Höhepunkte: Käse-Box? „Boxen-Stopp für Ihren Käse!“ Tolle Schlemmer-Tassen in Pünktchen-Optik? „Volle Punktzahl!“ Abdeckhauben für runde und eckige Gefäße/kariert? Raten Sie mal! Richtig: „Unter der Haube!“

Lassen wir es dabei bewenden, auch wenn die Lektüre über Seite 8 von 38 noch nicht hinausgekommen ist. Als Fazit lässt sich wohl sagen, dass man zu jener Zeit, als die hier angesprochene moderne Hausfrau modern war, die Metaphorik dieses Machwerks höchstwahrscheinlich mit einem „Schmunzeln“ zur Kenntnis genommen hätte. Der damalige Rezensent (Rezensentinnen gab es nicht, dafür Hausfrauen) hätte wahrscheinlich unter dem Titel „Kein Buch mit sieben Siegeln“ die Sprache des Katalogs als „geniales Mund-Werk“ gepriesen und unter Verweis auf das praktische Doppel-Klebeband erfreut ausgerufen: „Dieses Buch hält, was es verspricht!“

Kleiner Wermutstropfen am Ende: Ein bisschen mehr Sorgfalt beim Foto-Shooting hätte ganz gut getan. Die Senftube, die die Funktionsweise des praktischen Tuben-Ausdrückers illustriert, stammt derart erkennbar von einer bestimmten Marke, dass das über den Firmennamen montierte Wort „Senf“ auch nichts mehr nutzt. Das geht schärfer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare