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Modelle

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Von: Judith von Sternburg

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Faszinierend.
Faszinierend. © David Ebener/dpa

Vielleicht ist es auch ein Trost, dass man sich die wirklich unnützen Bücherregale auch gar nicht leisten könnte.

Reklame für Bücherregale ist ins Haus geweht. Beim Bücherbaum kann man Bücher auf die Äste legen. Auch ein Modell o. T. bietet lustig schräge Bretter an, in die niedrigen Ränder werden immer noch ein paar Pixis passen. In die Sechsecke dort eher nicht, aber jeweils fünf, sechs Kunstbände sind in einer Wabe mit Klasse untergebracht. Mit unsichtbaren Bücherregalen lassen sich faszinierende vertikale und horizontale Bücherlinien an die Wände ziehen. Pfiffig auch das Modell, bei dem die Regalfächer zu einem schwerelosen Würfelturm wurden, nur mehr an je einer Kante mit dem Würfel darunter verbunden.

Wenn Sie zum Beispiel 25 Bücher besitzen, dann ist ein Bücherbaum perfekt. Wenn Sie 20 Kunstbände haben, kaufen Sie sich vier Bücherwaben, und die Altbauwand ist im Nu geschmackssicher bedeckt. Außerdem werden Sie sich auch rein finanziell in den nächsten Jahren keine Kunstbände mehr leisten können. So greift eines ins andere.

In den schnörkellosen Bücherregalen stehen unterdessen Vasen, Skulpturen, Puppen, Ikebana-Arrangements, Fotografien, Espressotassen, elektronische Geräte. Ah, da ist auch ein Buch.

Ironischerweise tauchen schließlich noch Büchertapeten auf. Auf den Büchertapeten sind einerseits mit Gold bestäubte Ledereinbände zu sehen, andererseits herrscht jenes Chaos, das vielen Menschen vertraut sein wird, die mehr als 25 Bücher besitzen. Kunstbände passen hier eh nicht rein, die Fächer sind ökonomisch niedrig. Wer im dreidimensionalen Leben die Fächer ökonomisch niedrig stellt, kommt sofort in die unerquickliche Situation, Bücher stauchen zu müssen. Das gestauchte Buch, Fluch der modernen Welt, in der Billigregalanbieter sich in den Höhenangeboten verschätzen und Verlage mit originellen Buchformaten experimentieren.

Man kann auf den Büchertapeten, eine bürgerlicher, eine faustischer, gut erkennen, dass die Bücher mehrreihig stehen. Zwischen den Büchern und dem nächsten Brett liegen, vielmehr klemmen weitere Bücher, auch zu den Seiten hin ist der Platz ausgereizt. Das darf man nicht übertreiben – wer kennt es nicht, das sanft zur Seite rutschende Bücherregal.

Für eine Büchertapete braucht man als Privatperson sehr, sehr viel Platz an der Wand. Es ist in etwa so, als hätte unsereiner eine Superküchentapete.

Abends kam das Thema auf Modelleisenbahnen. Ebenfalls ein zehrendes Hobby, aber mehr in die Fläche als in die Höhe. Man kann sich einlesen. Drei bis fünf Standardwerke reichen offenbar vorerst, so bleibt auf dem Bücherbaum Platz für zwei Jahrgänge „Der Modelleisenbahner“. Der Modelleisenbahner, wie schade.

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