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Auch ungelernte, nutzlose Waffenfreaks bringen mit ihrem höchst begrenzten Spezialistentum etwas Nobles zustande: Yul Brunner in  „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“.

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Grüßen mit den Füßen: Trotz der allgemeinen Entschleunigung ändern sich einige Dinge derzeit ganz schnell, und womöglich bekommt man es gar nicht mit.

Die Hinweise darauf, dass die Ausnahmesituation auch psychologische Folgen zeitigt, mehren sich. So sind die Fußballerbildchen, die sich neuerdings in einigen Schokoladenriegeln finden, auf unerwartetes Interesse gestoßen, man muss sagen: ausgerechnet diesmal, allerdings eben auch dem vielleicht einzigen Jahr weit und breit, in dem es zeitlich problemlos möglich wäre, die selbstklebenden Bilder geruhsam in ein Album einzufügen. Wenn man ein solches Album hätte. Seit „Bernard und Bianca“ kam das aus verschiedenen Gründen nicht mehr infrage, nein, seit „Flash Gordon“. Damals hat es aber einen irrsinnigen Spaß gemacht.

Markant auch, dass während des Films „Das schweigende Klassenzimmer“ intensiv der Gedanke aufkommt, einmal wieder Blumen zu pressen und daraus kleine Grußkarten zu basteln. Und das während des Films „Die glorreichen Sieben“ das Herz klopft und die Träne fließt, weil es eben doch möglich ist, dass auch ungelernte, nutzlose Waffenfreaks mit ihrem höchst begrenzten Spezialistentum etwas Nobles und in gewisser Hinsicht sogar Nachdenkliches zustande bringen. Es sind ihre eigenen Heldenepen, über die sich die aufgerüstet posierenden Jungs in Michigan in Grund und Boden schämen müssten.

In dieser also reichlich labilen Verfassung ist es nun erfrischend, mit einer vertrauten Person jenen Gruß auszutauschen, den die jugendliche Verwandtschaft unsereinem gezeigt hat. Vor Wochen, Monaten, als wir uns alle noch einmal sehen konnten. Das vielerorts getätigte Aneinanderstupsen der Ellenbogen ergänzten sie mit dem kurzen Aneinanderlegen der Fußinnenseiten. Auch das findet man leicht im Internet, aber ganz so leicht ist es dann gar nicht, weil man mit etwas Pech zur Seite kippen kann, wenn der Abend lang war. Jedenfalls hat sich dieser Gruß in einem sehr kleinen Kreis komplett etabliert, mit ihm beginnt der Tag und endet er. Es ist seltsam, aber das sind die Zeiten schließlich auch.

Zuletzt kam es, selbstverständlich unter sorgfältigsten Sicherheitsvorkehrungen, zu einem kurzen Wiedersehen unter freiem Himmel. Bei dieser Gelegenheit lachte die junge Verwandtschaft aber über das Stupsen und einbeinige Balancieren, was offensichtlich in informierten Kreisen längst durch die Fernumarmung ersetzt worden ist. Das andere, hieß es, mache doch kein Mensch mehr.

Hier zeigt sich, dass man nicht jeden Modewechsel gleich mitmachen muss und dass wir uns in einer delikaten Vermengung aus Entschleunigung und Beschleunigung befinden. Zudem sitzt der Einzelne allein, zu zweit, zu dritt, zu viert doch auf einer Insel fest, auf der sich eigene Rituale herausbilden. Nur die Klebebild-Sache interessierte auch andere Anwesende sofort. Da wird noch richtig Schwung reinkommen!

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