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Tall, Grande oder Venti?

Times mager

Mittel

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Die Verwirrung um die Bedeutung des Mittelmaßes hat sich tief in unseren Alltag gefressen - nicht nur bei Kaffeebechergrößen. Die Kolumne.

Das Mittelmaß ist auch nicht mehr das, was es mal war. Und glauben Sie nur nicht, das sei eine gute Nachricht.

Zunächst scheint es, als bestehe kein Grund zur Beunruhigung. „Schnell erkennt man den Vorteil: Mal hat man mehr Durst oder Zeit zum Genießen, mal weniger. Durch die verschiedenen Bechergrößen kann sich jeder genau die Kaffeemenge bestellen, auf die er im Moment Lust hat“, schreibt „Kaffeenavigator.de“.

Wem geht da kein Licht auf, selbst wenn er oder sie den Kaffee nicht ausgerechnet gegen den Durst trinkt? Klar: Wie sollte jeder genau die Menge bestellen, auf die er Lust hat, wenn es keine unterschiedlichen Bechergrößen gäbe? Über das „genau“ ließe sich streiten bei insgesamt drei Größen, aber wer nimmt es schon so genau, die Logik der Aussage besticht so oder so.

Es folgt die schlechte Nachricht, denn unser Kaffeenavigator zählt die Bechergrößen der Kette, die den Kaffeegenuss zum entindividualisierten Globalgeschäft gemacht hat, gewissenhaft auf: „Tall“, „Grande“ und „Venti“. Auf Deutsch: groß, groß und zwanzig. Der Kaffeenavigator klärt auf: „Tall entspricht einer Menge von 355 ml.“ In den Anfangszeiten der Kette „wurde diese Menge jedoch noch als ,groß‘ empfunden, während der Tall heute unter den gängigen Bechergrößen eher klein wirkt“. Die andere Größe mit dem Namen „groß“, Grande, steht übrigens für mittel, zwanzig steht für 20 „fl oz“, also fluid ounzes, das ist deutlich mehr als ein halber Liter. Na Prost.

Und es kommt noch schlimmer: Die Verwirrung hat sich tief in den Alltag gefressen. Fragen Sie mal jemanden, wie der Film war. Wenn die Antwort „eher so mittelspannend“ lautet, war der Film ein Schlafmittel erster Güte. Oder fragen Sie „Wie geht’s?“. Lautet die Antwort „schlecht“, drücken Sie einfach Ihr Mitgefühl aus. Lautet sie „so mittel“, rufen Sie bitte einen Krankenwagen.

Ist das ein Zeichen, dass das Mittelmaß inzwischen allgemein als größtes Übel anerkannt ist? Das darf bezweifelt werden, es redet halt keiner mehr davon, und der Jargon hat sich das Wort „mittel“ einfach gegriffen.

„Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“, ahnte schon Bertolt Brecht, als er 1943 sein wunderbares „Lied von der Moldau“ schrieb. Sein Thema war allerdings noch einen Tick wichtiger als der Kaffeebecher, er fasste die Hoffnung auf ein Ende der Nazi-Herrschaft, auch auf ein Ende allgemeiner Gewaltverhältnisse in die folgenden Zeilen: „Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.“

Wie sieht es damit heute aus? Global betrachtet: eher mau. Mehr so nach einer Art „Mittelerde“, modern ausgedrückt.

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