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Judengasse Frankfurter vielen Jahren. Vor zwei Jahrhunderten war Wilhelm Waiblinger in der Stadt.

Times Mager

Mit 14

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Der Gedichtemacher Wilhelm Waiblinger ließ wenig aus, auch Frankfurt nicht.

Fast zweihunderteins Jahre ist es her, dass Wilhelm Waiblinger im Herbst 1819 ein Gedanke durch den Kopf schoss. Das geschieht nicht zum ersten Mal, denn er ist, er weiß es, er schreibt es auch so auf, ein sehr ungestümer Mensch. Er ist auf Reisen, den Rhein entlang, mit dem Postschiff auf dem Main, wieder zurück durch das (ungestüme) Maindelta in den Rhein, besieht sich Mainz, besucht Oppenheim. Es schießt ihm das Ziel Koblenz durch den Kopf (andere Richtung, klar). Es geht hin und her.

Fünf Tage verbringt Wilhelm Waiblinger auch in Frankfurt, hat von der Stadt einen wirklich ausgezeichneten Eindruck, schaut auf der Messe vorbei, lässt sich treiben, besucht allabendlich das Theater, einen Namen hat auch die Städtische Galerie, das wenige Jahre zuvor eröffnete Städel. Wollte man sich das, was mit Wilhelm Waiblinger damals geschah, heute vorstellen, hieße es wohl, da wollte einer die turbulente Atmosphäre Frankfurts aufsaugen. Denn schon bei der Ankunft mit dem Postschiff macht Frankfurt einen absorbierenden Eindruck. Wilhelm Waiblinger vergleicht das, was er sieht, mit Venedig, Triest, Neapel und Palermo – ohne allerdings schon einmal in den vier Städten gewesen zu sein, wie aber auch? Wilhelm Waiblinger ist 14. Aber er hat bereits so viel Phantasie, um sich fest vorzunehmen, dass er in diese Städte noch kommen wird, auch wenn ihm dazu nicht viel Zeit bleiben wird. Er stirbt mit 25 Jahren in Rom, einige Wochen zuvor war er noch in Neapel und Palermo.

Wilhelm Waiblingers Verlangen nach Ferne drückte sich erstmals vehement an Rhein und Main aus. Auch die Ferne war absorbierend, die Phantasie ansteckend, und die wiederum ließ ihn für die Poesie fiebern. „In der Poesie weit zu kommen, dies ist mein einziges, die ist mein größtes Bestreben.“ Wann auch immer das Wort Liedermacher aufkam – er sieht sich als Lyrikproduzent: „Ich habe schon eine Menge Gedichte gemacht, die Herr Professor als Gedichte, welche von einem Menschen meines Alters gemacht sind, gut aufnahm und mir ihre Fehler zeigte.“

Der Gedichtemacher spekuliert auf eine Existenz als Schriftsteller. Er weiß, dass ihn seine Oden und Idyllen der Welt entrücken, einer Welt, die dazu da ist, um ihn zu Gedichten zu inspirieren, was natürlich nicht abgeht, ohne sich Gedanken zu machen. Gedanken derart, dass er seine Verse an denen von Großmächten misst, Homer, Tasso. Das wiederum hat Konsequenzen, dann hält er inne, „bleibe ich oft stehen, in tiefes Nachdenken verloren, bis mich endlich ein Geräusch wieder aus meinen Träumen weckt.“

Dieses Geräusch, das ist die Welt, es ist die Wilhelm Waiblingers vor 201 Jahren. Mehr lässt sich der Rückblick in diesen Tagen und Wochen nicht abrunden.

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