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Am Tag nach Totensonntag dürfen die Weihnachtsvorbereitungen beginnen.

Times Mager

Mischverkehr

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Das allgemeine Gespräch im Salon beschränkt sich wahrhaftig nicht nur auf die Frisur.

Etliche Herren mittleren bis höheren Alters im Salon. Sie sind beim Färben eine Spur zappeliger, auch werden vor der Wartezeit Uhren abgeglichen. Es zeigt sich, dass die Uhr der Friseurin immer zwei Minuten nachgeht. Einer der Herren kennt das schon und sagt, sie wisse, wie gefährlich das werden könne, wenn man etwa einen Zug erreichen müsse. Die Friseurin kennt das ebenfalls schon und lächelt verklärt.

Dann geht es kenntnisreich um den Mischverkehr auf deutschen Bahnstrecken. Dann geht es um Autos, da einer der Herren sich vielleicht einen J. kaufen will. Wer einen J. aus der Fernsehwerbung kennt, will jetzt weg von hier, aber nicht hin zu einem J., sondern fort von Menschen, die sich für J.s interessieren. Da ein Friseur ein Ort der Entspannung, aber nicht der Freiheit ist, kann man nun entweder sein Leben Revue passieren lassen oder einen Weihnachtsvorbereitungszettel schreiben.

Die Weihnachtsvorbereitungen, die am Tag nach Totensonntag (heute!) beginnen dürfen, beinhalten 1. die Herstellung der erforderlichen Zahl von Adventskalendern, 2. das Anbringen des Adventsschmuckes 3. das Backen von a) Butterplätzchen, b) Vanillekipferl, c) Spritzgebäck, d) Zimtsternen, e) Makronen (Haselnuss/Kokos), f) Heidesand (verbesserte Rezeptur), 3. das Eintreiben der Geschenkewünsche, Einkaufen der Geschenke, Verpacken der Geschenke (Hervorwühlen des Papiers!).

4. – noch war keine Rede vom Weihnachtsbaum etc. – ist der Punkt, an dem sich die Betreffende anfängt, etwas Leid zu tun, weil es eine freudige Zeit ist, aber wann und wie soll man sie unterbringen? Nach Jahrzehnten des Selbstbetrugs und dessen alljährlicher Aufdeckung wird kaum noch einer glauben, die Wochen in der Vorweihnachtszeit wären so lang wie normale Wochen. Und womöglich wird die Betreffende sogar maulig, wenn sie nun wieder an die Mischverkehrkenner und J.-Freunde denkt, die nur 1 Uhrzeit kennen und bestimmt keine Heidesandrezepte.

Das allgemeine Gespräch hat jedoch eine Wendung genommen. Dem Friseur ist es gelungen, irgendwie dazwischen zu kommen und zu berichten, dass er seine Wohnung schon komplett dekoriert hat. Vor Totensonntag, sagt die Friseurin amüsiert. Vor Totensonntag, murmelt es aus der Reihe der Wartenden. Ja, sagt der Friseur verbindlich und verständnisvoll, bei ihm zu Hause habe es das natürlich nicht gegeben. Aber es sei doch so viel angenehmer. Man müsse ja noch nichts anknipsen.

Da durchweht der wilde Duft der Anarchie und vernünftigen Lebensfreude die Reihe der schon fast Verjüngten und macht aus ihnen eine Gemeinschaft der braven ehemaligen Kinder, die bis heute auf ihre Eltern hören. Nur für einen winzigen Moment hält das an, aber es ist nicht der schlechteste des Tages.

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