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Minne

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Von: Stephan Hebel

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Liebe in der Welt der Arbeit? Oder wovon hat die Schweizerin jüngst gesprochen?

Es sei für einen kleinen Tagesschreiber vermessen, die großen Brüder Grimm zu kritisieren, begann Kollege S. seine Rede, aber jetzt müsse es mal sein, warum, werde er später verraten. Bei den Zuhörenden stieß dieser Einstieg auf relativ wenig Gegenliebe, von Applaus ganz zu schweigen, aber Kollege S. fuhr, scheinbar zusammenhanglos, fort.

Jüngst, erzählte S., habe er dem Redebeitrag einer nicht unbedeutenden Schweizerin beiwohnen dürfen, die mitten in einem Vortrag über die Welt der Arbeit plötzlich von Liebe gesprochen habe. So habe er, S., es zumindest im ersten Augenblick verstanden. Die Tarifparteien (oder welche Streithähne auch immer, das wisse er nicht mehr genau) seien nun wahrlich miteinander nicht immer „in Minne“ gewesen, habe die Schweizerin gesagt, und die „Minne“ habe doch recht fremd gewirkt im gegebenen Zusammenhang, jedenfalls für jemanden, dem das Wort seit der schulischen Unterrichtseinheit „Minnesang“ nicht ein einziges Mal mehr untergekommen sei.

Aus dem Zusammenhang der Rede der Schweizerin habe sich allerdings dann doch auch ergeben, dozierte Kollege S. weiter, dass das Missverständnis dabei ganz auf seiner Seite gelegen habe, da er, S., kein Schweizer sei, wie die Umstehenden ja wüssten. Dem Internet habe er rasch entnehmen können, dass die Formulierung „in Minne“ im Schweizerischen nichts anderes bedeute als „in freundlichem oder sogar friedlichem Einvernehmen“, und das mache die Formulierung in diesen Tagen doch eigentlich noch schöner und notwendiger, als sie ohnehin schon sei.

Die Zuhörenden stimmten ausnahmslos zu und wären beinahe in Minne auseinandergegangen, hätte nicht jemand im Umdrehen vor sich hingemurmelt, er frage sich schon, was „der S.“ vorhin mit den Brüdern Grimm gemeint haben könnte.

Kollege S., der diese Sache bereits vergessen, aber die Bemerkung gehört hatte, rief die nun nicht mehr Umstehenden durch ein lautes „Ah, die Brüder Grimm!“ zurück und begann sofort, erneut zu dozieren: Selbstverständlich habe er zum Thema Minne auch die Brüder Grimm – „oder genauer, deren Wörterbuch, haha“ – befragt, und siehe da: nichts über die Schweiz.

„Das Wort“, zitierte S. aus dem Grimm, „ist nur im Ahd., Alts., Fries. und den daraus erwachsenen Dialekten bezeugt“, und was immer das heiße, nach Schweiz klinge es nicht. Stattdessen diverse Unterbedeutungen bis hin zur „fleischlichen Beiwohnung“, gerade so, ereiferte sich S., als gäbe es so etwas nicht auch in der Schweiz!

Er als Schweizer würde sich so etwas verbitten, aber er sei ja nun mal keiner, schloss S., und alle gingen in friedlichem Einvernehmen auseinander.

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