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Lauert dieser Bär schon auf Menschen mit Sehschwäche?

Times mager

Messungen

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Nachher zeigten sich die Buchstaben schärfer und schärfer: Bei einer Brille weiß man, was man hat.

Goethes Abneigung gegen Brillen hatte einen Zug ins Bizarre. Vermutlich ist man hier bei jener drastischen Gegnerschaft gegen die Unzulänglichkeiten des Körpers, die nur sehr dummen und sehr klugen Menschen eigen ist. Die einen können es sich nicht vorstellen, die anderen können es sich zu gut vorstellen. Kürzlich war zu lesen, dass die Menschheit gegen die bitterste Konsequenz aus dem Verfall gewappnet ist, indem das Gehirn sie vor dem ständigen Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit bewahrt. Die an feines Gerät angeschlossenen Hirne von Testpersonen reagierten bei der Vorführung von Worten und Bildern überrascht, wenn etwa auf „Beerdigung“ ihr eigenes Foto folgte. „Die Mortalität beträgt hundert Prozent“, so ein Palliativmediziner bei einer Frankfurter Veranstaltung. Wissen wir, aber wir wissen uns vor diesem Wissen zu schützen.

Ohnehin ist es bis dahin angenehm, gut zu sehen. Dafür brauchte Goethe, der leicht reden hatte, keine Brille, weil er den „Goetheblick“ besaß. Mit einem Auge sah er weit, mit dem anderen nah. Dass er sich dafür „Avatar“ nicht im maßgeblichen 3D hätte anschauen können, störte ihn durch die zeitliche Abfolge nicht. Ob Goethe Treppen herunterzufallen pflegte: Wir wissen es nicht, nehmen es aber nicht an.

Mit und ohne Brille wird die Pupille im Alter kleiner. Dies erläuterte jetzt der Optiker und fügte hinzu, das sei geschickt eingerichtet, weil diese Verkleinerung die schwächer werdende Sehschärfe zunächst verbessern könne. „So dauert es länger, bis wir vom Tiger gefressen werden“, erläuterte der Optiker, der nach einer Pause nachschob: Wahrscheinlicher sei es wohl, von einem Wolf gefressen zu werden. Oder von einem Bären. Oder von einer Bärin. Während sich die Anwesenden still einen Wald voller Tiere vorstellten, in dem sie in höherem Alter den Tiger/Wolf/Bären/die Bärin beizeiten sehen und hurtig weglaufen können, bis sie in noch höherem Alter den Tiger/Wolf/Bären/die Bärin nicht mehr sehen können. Und eh auch nicht mehr weglaufen, vermutlich.

So kreatürlich eingeschlossen in den ewigen Kreislauf des Lebens, war es nun eine schöne Überraschung, die neuesten Messapparate vorgeführt zu bekommen. Während man auf eine Landstraße und einen Heißluftballon im Abendsonnenschein schaute, geschah der Rest von selbst. Nachher zeigten sich die Buchstaben schärfer und schärfer. Auch meinte der Optiker, so schlimm sei das ja nicht, man nenne es auch den Goetheblick. Auf dem Goetheblick kann sich unsereiner seit Jahrzehnten ein Ei backen. Bei einer Brille aber, bei einer Brille weiß man, was man hat. Auch diesmal verließ die Kundschaft das Geschäft voller Vorfreude.

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