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Messerscharf

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Von: Judith von Sternburg

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Armin Rohde spielt den Räuber Hotzenplotz in der Verfilmung des Kinderbuchs „Der Räuber Hotzenplotz“ (Archivfoto).
Armin Rohde spielt den Räuber Hotzenplotz in der Verfilmung des Kinderbuchs „Der Räuber Hotzenplotz“ (Archivfoto). © Constantin Film dpa/lbn

Wer sich nicht so oft in der Küche aufhält, macht sich keine Vorstellung davon, was unter Messer-Fans los ist.

Dilettantismus in der Küche zeigt sich auch in einem ehrgeizlosen Umgang mit Messern. Vor sehr langer Zeit hingegen vertraute die Großmutter, eine patente und im Leben stehende Frau, die zentralen Arbeitsmesser des Hauses einem vertrauenswürdigen Herrn an, der in sehr großen Abständen an der Türe klingelte und dabei seinen Hut in der Hand hielt. Die Enkeltöchter lernten bei dieser Gelegenheit, dass vertrauenswürdig zu sein, relativ ist und auf mysteriösen Gepflogenheiten unter Erwachsenen fußt. Kinder machen sich davon noch keinen Begriff. Das Ziehen des Hutes war in einer weitgehend hutlosen Welt kein Kriterium mehr, und der Herr sah aus wie Räuber Hotzenplotz. Fanden die Kinder, die „Hotzenplotz 3“ so gut kannten wie „Winnetou 3“, aber „Wallenstein 3“ kannten sie noch gar nicht. „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, / das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide.“

Als das Gespräch jetzt zufällig darauf kam – im Nachgang zum fulminanten Auftritt eines Verwandten, der sich zum Tranchieren der Weihnachtsgans nach Jahren des Improvisierens und stillen Leids ebenso stillschweigend ein eigenes Messer mitgebracht hatte –, führte der Weg zwar keinesfalls in die Küche, aber auf Koch- und Messerforen. In diesen Galaxien, die nie ein Mensch betreten hat, der auch in der Küche generell bloß kurz vorbeischaut, geht es mit Eifer um die schärfsten Messer und ihre angemessene Behandlung. Außenstehende genieren sich über kurz oder lang (auch eine wichtige Frage!) ihrer Ahnungslosigkeit. Dafür schreibt einer der Profis, er biete der mitkochenden Person inzwischen lieber ein „Gläßchen“ an und schneide selbst. Das ist beruhigend.

Ferner geht es immer wieder um die Frage, wie man persönlich zu Messern steht, also innerlich. An dieser Stelle scheinen sich kochende Männer und kochende Frauen zum Teil deutlich voneinander zu unterscheiden. Hier nur so viel: Wenn man das Internet zwanglos nach dem „schärften Messer der Welt“ fragt, weil man von selbst nicht weiter weiß, führt der erste Weg zu maennersache.de. Der unmittelbare Anlass für die Beschäftigung mit diesem interessanten Thema war zudem die auf dem Bildschirm in einem unverfänglichen Umfeld angezeigte Werbung für „japanische, von Samurais inspirierte Küchenmesser“ als „Werkzeug des männlichen Mannes“. Wir nennen keine Firmennamen, es handelt sich maennersache.de zufolge nicht um das schärfste Messer der Welt, aber chic ist es.

Zum Schluss eine Vokabelerweiterung: Den Mann in der Küche, gewiss auch den männlichen Mann in der Küche, nennt das Wörterbuch der Brüder Grimm „küchenmutz, m. wie küchenratz, mannsperson die sich um das küchengeschäft kümmert“.

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