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Dem Wunder, dass man sich ein Glas vor die Nase halten kann, und dadurch alles messerscharf sieht, ihm wird in unserer Welt viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Times mager

Messerscharf

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Brillen sind unheimlich nützlich. Ein bisschen unheimlich sind sie allerdings auch. Die Feuilleton-Kolumne.

Um noch einmal auf die Brille zurückzukommen. Mit Interesse lesen wir in Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“, wie ein Rabbi „schließlich von irgendwoher ein Augenglas hervorholt, schmuck in einen Drahtbügel gefasst – ein solches Stück möchte Chmielowski auch gerne haben, er muss fragen, wo man es bekommen kann“. Die Szene spielt 1752 in Rohatyn, einem damals polnischen, heute ukrainischen Örtlein, das eine Spur ab vom Schuss zu liegen scheint. Der Pater Chmielowski, ein bildungshungriger Mann, der sich auf den ersten hundert Seiten des Romans jedenfalls nichts Gravierendes zuschulden kommen lässt, erkennt also auf den ersten Blick die Vorzüge einer Brille oder eines Lorgnons, während unsereiner in der Schule darum schief angesehen wurde.

Dem Wunder, dass man sich ein Glas vor die Nase halten kann, und dadurch alles messerscharf sieht, ihm wird in unserer Welt viel zu wenig Beachtung geschenkt. Dafür ist die Vorstellung, dass man durch eine betrügerische Brille direkt die Unwahrheit sehen könnte, weit verbreitet. Diese Unwahrheit könnte rosarot sein oder auch lebendig und liebenswert, wie durch die Brille, die der Erzschurke Coppelius dem glücklosen Hoffmann andreht (im zweiten Akt von „Hoffmanns Erzählungen“). Dabei erschien der sehr jugendlichen Brillenträgerin nur die Brille im Biologiebuch unbehaglich, mit der man, so stand es dort, die Welt auf dem Kopf stehend sah, bis sie sich nach einiger Zeit wieder umdrehte. Nun hätte sie ohne Brille wieder für eine ganze Weile auf dem Kopf gestanden. Die „Zeit“ erklärte später in der herzerfrischenden Rubrik „Stimmt’s?“ und zur Erleichterung der Brillenträgerin, dass es in dieser Richtung aber nur wenige Minuten dauere.

Ein junges US-Unternehmen stellte soeben eine Brille vor, die dem Vernehmen nach dunkler wird, sobald die brilletragende Person sich nicht mehr voll konzentriert. Dafür werden mit diversen Sensoren die entsprechenden Hirnwellen gemessen. Das ist futuristisch und eine Frechheit, aber pädagogisch gemeint. In einem Werbefilm liest ein kleiner Junge brav und verkabelt in einem Buch über Benjamin Franklin. Zugleich (unlogisch!) spricht er und erklärt, dass die Brille gut funktioniere. Alles Euphorische geht ihm allerdings ab, wohingegen der Rabbi, der Pater und ihr etwas unzuverlässiger Übersetzer – es gibt kein Zueinander zwischen den beiden jenseits der Bücherwelt – sich still und interessiert über Athanasius Kirchers „Turris Babel“ beugen. Wie der Benjamin-Franklin-Band enthält er Bilder, man glaubt kaum, was man da sieht. Nein, man glaubt es sogar haargenau, so schwarz auf weiß. Brillen und Bücher, sie bringen einen wirklich weiter.

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