Man sieht es kaum, man hört es gar nicht, aber trotzdem ist Frankfurter Buchmesse 2020.
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Man sieht es kaum, man hört es gar nicht, aber trotzdem ist Frankfurter Buchmesse 2020.

Times mager

Messe

Und wie ist es so, wenn in Frankfurt Frankfurter Buchmesse ohne Messe ist?

Als die Buchmesse im Mai ankündigte, stattfinden zu wollen, sagte ihr Direktor Juergen Boos ermutigend, es seien ja noch viereinhalb Monate bis dahin, und er machte zugleich auf die aktuell (im Mai) niedrigen Infektionszahlen aufmerksam. Schon damals war klar, dass beide Hoffnungsschimmer zusammen der Logik entbehrten. Schon damals war auch klar, dass das Wesen einer Messe zu hundert Prozent in der körperlichen Präsenz ihres Personals besteht. Erst recht in einer geistig orientierten und Einsamkeit in vielen Phasen der Herstellung und Benutzung des betreffenden Produktes voraussetzenden Branche. Es geht nicht nur darum, sich in die Augen zu sehen und womöglich um den Hals zu fallen. Vielleicht dachten wir das selbst noch im Mai, damals nicht ganz so ausgelaugt von der dem menschlichen Temperament in mehrfacher Hinsicht total widersprechenden Rücksichtnahme, Konzentration, Nüchternheit und Antisubtilität in Telefonkonferenzen. Es geht vielmehr darum, dass es nach tausend Dingen, die sich auch so erledigen lassen, unfassbar praktisch und inspirierend ist, sich direkt zu besprechen. Vielleicht kommt noch jemand anderes Interessantes dazu, vielleicht wechselt man noch mal das Thema, vielleicht ist der andere anders, als man dachte. Die einen schließen ein Geschäft ab, die anderen – auch wichtig – versichern sich, dass sie nicht die letzten Menschen auf der Welt sind, die wirklich Bücher lesen wollen. Nein, das sind sie weiß Gott nicht.

Wer damals im Mai also unkte, dass eine Messe ohne Masse alles Mögliche, aber eben keine Messe sein kann, ging nun am Abend – zur eigenen Überraschung – vielleicht doch mit dem Gefühl nach Hause, dass es zur jetzigen Aktion keine überzeugende Alternative gab. Man sieht es kaum, man hört es gar nicht, und nach der Open-Books-Lesung schaut man sich noch ein paar Streams an, aber das ist trotzdem die Frankfurter Buchmesse 2020. Autorinnen und Autoren, die froh sind, über ihre neuen Bücher sprechen zu können. Auf der Internetseite ein nicht unvertrautes Wirrwarr der Messestände, die einen ausgetüftelt, die anderen hingehuschelt. Das ist nicht nichts.

Das Wort „Buchmesse“ wird in Frankfurt derzeit in Anführungsstrichen benutzt, aber es wird benutzt. In Frankfurt sagt man auch „Altstadt“ in Anführungsstrichen und schlendert abends trotzdem vergnügt über den Hühnermarkt, also „Hühnermarkt“.

Was uns allerdings bisher noch fehlte, ist der Schwung, aus Sympathie und Solidarität die aktuelle Buchmessentasse zu bestellen (wie alles in diesem Jahr unter www.buchmesse.de). Über Tassengestaltung lässt sich fast so lange streiten wie über Bücher. (Von Judith von Sternburg)

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