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„An jeder Tür klopfe ich an ...“ - das zumindest erscheint glaubwürdig: Farmhäuser in Mendocino, Kalifornien.

Times mager

Mendocino

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Der Ort, an dem angeblich niemand das „Girl“ kennt, hat nur 894 Einwohner. Und er liegt noch nicht mal in Spanien! In Italien übrigens auch nicht.

Und alle: „Auf der Straße nach San Fernando/Da stand ein Mädchen wartend in der heißen Sonne/Ich hielt an und fragte: Wohin?/Sie sagte: Bitte nimm mich mit nach Mendocino.“

Das ist jetzt 50 Jahre her. Damals verlief das Leben dergestalt, dass eine nahestehende Person (Mama) das Radio einschaltete, und drinnen war Lothar Bernhard Walter, der uns erzählte, wie er ein Mädchen in der Nähe von Mendocino traf und wieder aus den Augen verlor. Er nannte sich einfach Michael Holm.

Seltsamerweise hielt sich bis gestern der Irrglaube (bei einem kleinen Teil des Publikums), Mendocino müsse irgendwo in Italien liegen, obwohl Michael Holm dann natürlich nicht „Mendossino“ gesungen hätte, sondern „Mendotschino“, und ein nahegelegenes San Fernando erwartet man ja nun auch eher in spanischsprachigen Gegenden. Kurz: Mendocino (894 Einwohner) liegt in Kalifornien und ist als Künstlerkolonie bekannt (Internet).

Fünfjährige Jungen konnten sich „Mendocino“ als Lieblingslied seinerzeit locker erlauben. Niemand erwartete da schon einen Musikgeschmack, der Sensibilität und zugleich männliche Robustheit als Charaktereigenschaften verriet. Auch musste man keine Antworten darauf geben können, was der Texter sich wohl dabei gedacht haben mochte: „Ich sah ihre Lippen, ich sah ihre Augen/Die Haare gehalten von zwei goldenen Spangen/Sie sagte, sie will mich gern wiedersehen/Doch dann vergaß ich leider ihren Namen.“

Bitte? Vergaß ihren Namen? Ja, das waren andere Zeiten. 1970. Künstlerkolonie. Kalifornien. Free Love. Aber dann rumjammern: „Mendocino, Mendocino/Ich fahre jeden Tag nach Mendocino/An jeder Tür klopfe ich an/Doch keiner kennt mein Girl in Mendocino.“

Vielleicht war es diese Tragik, die einen gefangen nahm. Und wenn man weiß, dass Mendocino nur 894 Einwohner hat, also maximal fünf-, sechshundert Wohneinheiten, dann ist das schon wieder gar nicht mehr so unwahrscheinlich mit dem An-jede-Tür-Klopfen. Nur dass angeblich niemand sein Girl kennt … und wieso eigentlich „sein“ Girl? Er konnte sich ja noch nicht mal ihren Namen merken!

Ein Jahr später sang Michael Holm „Nachts scheint die Sonne“ (nee, is klar), weitere drei Jahre später „Tränen lügen nicht“. Das mag ehrlicher gewesen sein, taugte aber bei inzwischen praktisch erwachsenen Neunjährigen nicht mehr als Lieblingssong. Die frühen Coverversionen „Dänen lügen nicht“ (Otto) bzw. „Trainer lügen nicht“ (Udo Jürgens, Wahrheitsgehalt jeweils fragwürdig) machten Witze darüber. Vorgestern lief „Tränen lügen nicht“ als Humpi-Pumpi-Techno-Mist im Radio. Da sind wir also gelandet.

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