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Melitta

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Von: Judith von Sternburg

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Der erste Melitta-Kaffeefilter und seine Erfinderin Melitta Bentz.
Der erste Melitta-Kaffeefilter und seine Erfinderin Melitta Bentz. © Bernd Thissen/dpa

Von Kaffeefiltern, Lumpenkerlen und einer pragmatischen Grundhaltung.

Nennen wir es einen jener bösen Tage, „wo menschliche Gemeinheit, stier wie die Meduse, einem entgegengrinst“, denn die Literatur hat für viele Lebenslagen die richtige Wendung, auch wenn man dabei gelegentlich um die Ecke denken muss. Die Opernliteratur hat noch dazu die richtige Musik dafür, zu Hugo von Hofmannsthals Zeile aus „Ariadne auf Naxos“ hört man also, wie der Komponist – eigentlich und warum auch nicht: die Komponistin, früher nannte man das Hosenrolle – tragisch leidet. Und sich zugleich lächerlich macht, weil um sie herum eine sogenannte pragmatische Grundhaltung vorherrscht. Eine sogenannte pragmatische Grundhaltung hat für Tragik keinen Sinn, sie hält dagegen: O, da hat der Chef (hier: der reiche Wiener, der sich nicht einmal blicken lässt, der Lumpenkerl) ja wieder einmal eine richtig, richtig schlechte Idee gehabt, aber wie bekommen wir es denn nun am besten hin?

Tatsächlich kann man den Ernst der Komponistin, einen Ernst, der – typisch für ihn – von Eitelkeit und einem wenig abgeklärten Beleidigtsein schwer zu unterscheiden ist, albern finden. Er ist auch albern. Aber schändlich ist er nicht. Schändlich ist das Vorgehen des Chefs, also des unsichtbaren Wieners.

Gestern ein böser Tag, heute der Todestag von Melitta Bentz (29. Juni 1950), die die vorgefertigte Einweg-Filtertüte entwickelte, damit ein nach ihr benanntes Imperium begründete und ihren Vornamen aus den Geburtsregistern schob. Wer nennt sein Kind schon nach einer Filtertüte.

Kaffeetrinkerinnen und Kaffeetrinker verdanken Melitta Bentz viel, auch wenn man sich, davon war verschiedentlich die Rede, als Filterkaffeeanhängerin heute in der Defensive fühlt. Der Modetrend zum komplex zubereiteten Filterkaffee ändert daran nichts. Im Gegenteil zeichnet sich die Filterkaffeeanhängerin gerade durch eine unsnobistische Haltung aus. Sie kauft allerdings stets Markenware (hier nennen wir selbstredend keine Namen), das stimmt. Und verwendet ausschließlich blaue Kaffeemaschinen, logo. Und hasst es, wenn Personen (wir nennen keine Namen, wie gesagt) zu dünnen oder zu starken Kaffee kochen. Aber ein Snob ist sie nicht. Pragmatisch ist sie übrigens auch nicht.

Neben denen über die Bombennächte waren die eindrucksvollsten Erzählungen der Großmutter vom Krieg: die vom Mangel an Bohnenkaffee und Illustrierten. Klingt lachhaft, ist es aber nicht. Die Opernzeile hierzu – aus „Hänsel und Gretel“ – lautet: „und – herrje! / Gar ein viertel Pfund Kaffee!“ Ist das nicht ein kleiner Verrat an der Freude der armen Besenbinderfrau? Durchaus. Opern sind nicht besser als Menschen, nur klüger.

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