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Die Meisterin

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Von: Sylvia Staude

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Jeder ihrer Romane gleicht einem Rätsel.
Jeder ihrer Romane gleicht einem Rätsel. © imago/ZUMA/Keystone

Heute vor 125 wurde die große Agatha Christie geboren. Sie war eine Meisterin der fehlerfreien Auflösungen, der logischen Akkuratesse. Jeder ihrer Krimis ein Rätsel, das aufgeht bis zum letzten Kästchen.

Als Agatha Christie 1926 elf Tage lang wie vom Erdboden verschluckt war, schaltete sich auch Kollege Arthur Conan Doyle in die Suche ein, indem er einen ihrer Handschuhe zu einem Medium brachte. Nach einer neuen Theorie könnte Christies verwirrtes Verschwinden eine dissoziative Störung gewesen sein, hervorgerufen durch Stress – sie war schließlich auf bestem Weg, eine bekannte Autorin zu werden – und Angst vor ihrem Mann. 1928 ließ sie sich scheiden.

Mit ihrem zweiten Mann, dem Archäologen Max Mallowen, bereiste sie Anfang der 30er den Irak und Syrien und kam auch nach Palmyra. Hingerissen beschrieb sie dessen „schlanke, cremefarbene Schönheit“ (auf Englisch ist der Reiseband „Come, Tell Me How You Live“ gerade neu aufgelegt. Sie selbst tat ihn ab als bloße Plauderei).

Bei den archäologischen Arbeiten, und nicht nur dort, soll Agatha Christie selbstverständlich mit angepackt haben. Über die Reiseeinkäufe scherzte sie, man habe ihr automatisch alles in Übergröße hingelegt. Sie gehörte zu den ersten, die sich in Kapstadt das Surfen im Stehen beibringen ließen. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine kräftige, breit lächelnde junge Frau im Badekleidchen, die vor einem Surfbrett steht.

Welcher ist der Beste?

Sie schrieb 80 Romane, und allein „And Then There Were None“ soll sich in all seinen Übersetzungen (unter anderem ins Bosnische, Katalanische, Finnische, Isländische und Indonesische) mehr als 100 Millionen Mal verkauft haben. In Großbritannien wurde die mysteriöse Dezimierung auf einer in wüstem Wetter unzugänglichen Insel just zum allerbesten Christie-Whodunnit gewählt. Aber nein, widersprach die Thrillerautorin Val McDermid, „The Murder at the Vicarage“ sei noch tadelloser gebaut.

Darüber lässt sich trefflich streiten. Denn Agatha Christie war eine Meisterin der fehlerfreien Auflösungen, der logischen Akkuratesse. Jeder ihrer Krimis ein Rätsel, das aufgeht bis zum letzten Kästchen. Jeder ihrer Krimis ein präzise geschnittenes Heckenlabyrinth – und plötzlich, unerwartet, ist man doch am Ausgang angekommen. Nie wäre Miss Marple auf die aberwitzige Idee gekommen, statt ihres scharfen Verstandes ein Medium zu befragen. Nie hätte Hercule Poirot zu hellseherischem Hokuspokus Zuflucht gesucht statt zu seinen kombinatorischen Fähigkeiten. Es muss ihrer Erfinderin Befriedigung, vielleicht ja Vergnügen bereitet haben, die intrikatesten Denksportaufgaben zu stellen.

Am heutigen Dienstag wäre sie 125 Jahre alt geworden. Ein Anstoß, mag sein, einmal wieder einen echten Agatha Christie zu lesen.

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