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„Gehen Sie mir mit dem, der wird nie etwas ordentliches machen.“ Ludwig van Beethoven feiert in diesem Jahr 250. Geburtstag.

Times mager

Meinung

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Über den Jubilar des Jahres, Ludwig van Beethoven, hat nahezu ein jeder etwas zu sagen. Die Feuilleton-Kolumne.

Das Internet hat ein beunruhigend gutes Gedächtnis, aber früher machten sich die Leute auch schon eine Notiz, wenn jemand etwas besonders Dummes oder Peinliches sagte. Natürlich ebenso, wenn jemand etwas besonders Intelligentes sagte, klar.

Das Internet ist entsprechend gut informiert, aber früher wussten die Leute auch schon Bescheid. Dass die Leute früher auch schon Bescheid wussten, heißt aber eben nicht, dass sie klüger waren. Nein, sie waren nicht klüger, auch wenn das erfreulich wäre, da sie ja noch nicht unter dem problematischen Einfluss des Internets standen. Wenn man so sagen darf. Gerne stellt man sich vor, dass Menschen, die Bücher komplett durchlesen, Musikstücke in Ruhe zu Ende hören und Filme still im Dunkeln anschauen, auf ein besseres geistiges Niveau kämen. Wer weiß. Nur wurde schon immer zwischendurch ein Schwätzchen gehalten, und vor dem Micky-Maus-Heftchen konnte man schon lange in Illustrierten blättern, wenn das Buch zu schwer in der Hand lag. Trotzdem oder gerade deshalb hat man gleich eine Meinung und will sie kundtun.

Der Jubilar des Jahres etwa ist von Meinungen regelrecht umzingelt. Heute nur drei bescheidene Beispiele, hier entnommen aus dem neuen, munteren Buch „Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke“ (Blessing) von Christine Eichel. Erstens bietet sie das berüchtigte Louis-Spohr-Zitat, der Beginn der fünften Sinfonie sei „fast trivial und nicht gerade originell“. Nun macht zwar Eichel selbst darauf aufmerksam, dass die gerügte Stelle in Dur fast schon „Hänschen klein“ wäre, aber Spohr steht trotzdem dumm da. Fast so dumm wie Johann Georg Albrechtsberger, einen von Beethovens Kontrapunktlehrern, den sie zweitens zitiert: „Gehen Sie mir mit dem, der wird nie etwas ordentliches machen.“

Drittens erzählt sie die Geschichte von Beethovens Schüler Ferdinand Ries, der vor Fans Beethoven-Stücke spielte und sich dabei so langweilte, dass er eine eigene Improvisation dazwischen schob. Das entzückte Publikum (ein neuer Beethoven!) wollte das Werk am nächsten Tag gleich noch einmal hören, nun aber war Beethoven anwesend. Ries, so Ries, stümperte vor Schreck. Beethoven lachte im Anschluss und sprach: „Das sind die großen Kenner, welche jede Musik so richtig und so scharf beurtheilen wollen. Man gebe ihnen nur den Namen ihres Lieblings; mehr brauchen sie nicht.“

Verlegen ziehen wir uns hiermit zurück. Wenn wir wieder Mut geschöpft haben, wollen wir darauf eingehen, was der Jubilar über Rezensenten dachte. Nichtrezensenten werden ihre Freude daran haben.

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