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Das Buch ist meines. Stilistisch besser, so empfahl es die Grammatik, sei "Das ist mein Buch."

Times mager

Mein, dein

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Die Grammatik war eine Empfehlung, fern ihrer Verlagsheimat Frankfurt. Eines Tages erreichte sie auch das Ruhrgebiet, eine andere Heimat

Mal zur Erinnerung. Heimat kam bereits in der „Kurzen deutschen Grammatik“ zum Ausdruck: „Meine Federtasche ist schwarz, deine ist grün“, so hieß der Satz. Denn das war ja was, dass man noch ein Federmäppchen hatte, 1967, als man mit 11, 12 die Grammatik aus dem Hirschgraben-Verlag aufschlug. Die Grammatik war eine Empfehlung, fern der Heimat des Verlags in Frankfurt am Main. Sie hat später, im Lauf der Jahre, jeden Umzug mitgemacht. Das Federmäppchen ging verloren, weitere Federmäppchen, schwarze oder grüne, in denen blaue Füllfederhalter verwahrt wurden. Blau war der Pelikano. Der Geha, grün, war nicht zugelassen. Die schwarzen Kolbenfüller, Schreibgeräte der Eltern, waren tabu. Mit dem Patronenfüller von Pelikan hielt man die „Verschiedenheit im Gebrauch des Possessivpronomens“ fest.

Possessivpronomen?

Besitz anzeigendes Fürwort.

Im Grunde lernte man mit der Grammatik fürs Leben. Das Meine, das Deine. Das Meinige, das Deinige. Meins, deins. Es war möglich zu sagen: Das Buch ist meines. „Stilistisch“, so empfahl es die Grammatik, „war es aber besser zu sagen: Das ist mein Buch. Oder: Das Buch gehört mir.“

Lange her, die Entdeckung der Possessivpronomen. Kein Gedanke damals an einen Satz wie: Das Buch ist mir. Unmöglich ein solcher Satz – weil zur Heimat noch ein Grammatikunterricht gehörte? Etwa nicht? Immerhin leuchtete ein, dass das Possessivpronomen ein Wort ist, dass „entweder allein oder aber in Verbindung mit anderen Wörtern“ steht. So lernte man es damals, nagte am Pelikano, zupfte am Reißverschluss eines grünen Federmäppchens oder träumte zum Schulfenster hinaus, in eine kohlrabenschwarze Heimat, während der Einflussbereich der „Kurzen deutschen Grammatik“, die im Hirschgraben-Verlag zu Frankfurt herauskam, bis in den Kohlenpott reichte.

Für die deutsche Grammatik war das beruhigend, obwohl das Idiom in Westfalen andere Eigenheiten pflegte und Eigenwilligkeiten hochhielt als in Hessen. Damals so gut wie heute, weiterhin. Im Idiom steckt wohl so etwas wie ein Heimatbewusstsein, unausgesprochen steckt darin so etwas wie ein Bewusstsein selbst dann, wenn sich eine Sprachfärbung wenig bewusst artikuliert.

Die Hochsprache wurde nicht zu allen Zeiten per se mit Heimat identifiziert. Hochsprache ebenso wie eine einheitliche Grammatik gingen hervor aus beträchtlichen regionalen Unterschieden. Meins, deins. Das Besondere war nicht das Allgemeine. Seltsam, war aber so. Wurde dann irgendwann irgendwie anders. Ist irgendwie auch vergessen worden im Zuge der jüngeren Heimatentwicklung, meiner, deiner, allgemeiner.

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