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Mehr Zeit

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Von: Sylvia Staude

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Time is money. Und was sind 20 Sekunden? Das kommt darauf an, was das Schicksal mit 20 Sekunden anzufangen weiß.
Time is money. Und was sind 20 Sekunden? Das kommt darauf an, was das Schicksal mit 20 Sekunden anzufangen weiß. © Martin Schutt/dpa

Der Navi bietet: 20 Sekunden weniger auf einer anderen Strecke. Ist das nun ein gutes Angebot? Und was hat es mit „Cox“ zu tun? Die Kolumne „Times mager“.

An ihrem letzten, an ihrem größten Werk für den Kaiser von China – der „Zeitlosen Uhr“, dem (fast) Perpetuum mobile – arbeiten, feilen Cox, Merlin und Lockwood, die famosen englischen Uhren- und Automatenbauer, in Christoph Ransmayrs meisterlich wie eine ihrer Uhren voranschreitendem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“; gerade (wird sind in der realen Welt schon hinter dem San-Bernardino-Tunnel) unterhalten sich die drei über Penelope, Frau des Odysseus, die tagsüber webte und nachts wieder auftrennte; gerade liest Ransmayr mit seiner sonoren, hübsch märchenonkelhaften Stimme der Autofahrerin vor (natürlich nicht ihr persönlich, aber wie schön, dass es sich in diesem Augenblick so anfühlt): „Zeit, hatte Penelope gesagt, sie brauche Zeit.“

Da macht es „Plinging“ und ihr, der Autofahrerin, wird von einem ebenfalls die Zeit zählenden Gerät, einem genau genommen Ort mit Ort und beide mit Zeit verbindenden Automaten angeboten, eine andere Variante zu wählen, dadurch 20 Sekunden zu sparen. 20 Sekunden! Die Autofahrerin schüttelt sachte den Kopf. Überlegt aber doch:

Käme sie, die andere Strecke wählend, tatsächlich 20 Sekunden früher nach Hause, und könnte diese 20 Sekunden gut, ja gewinnbringend nützen, indem sie schon mal die Schweizer Schokolade in den Kühlschrank legt und diese also 20 Sekunden früher vor der weiteren Auflösung bewahrt? Oder könnte sie es in diesen Sekunden (fast) schaffen, die Waschmaschine mit der ersten Ladung Urlaubswäsche zu befüllen? Oder wollte es der Zufall, dass sie, 20 Sekunden früher an der Autobahnraststätte XY ankommend, noch vor dem Bus Kaffeedürstender an der Theke stünde und also der Vorschlag des Automaten, der ihr so läppisch vorkommt, zu einer weiteren Zeit-Ersparnis führen würde, vielleicht sogar zu gar nicht so wenigen Minuten? Oder wollte es der Zufall, dass sie, auf dieser anderen Strecke, just auf einen unaufmerksamen Autolenker träfe, der, einen Auffahrunfall verursachend, sie nicht früher, sondern deutlich später nach Hause kommen ließe?

Sie zählt aus Jux eins, zwei, drei … bis zwanzig, entscheidet sich gegen die schnellere Strecke und hat die Sekunden längst schon vergessen, als „Cox“ endet mit dem Verzicht des Kaisers von China, die „Zeitlose Uhr“ in Gang zu setzen. Zu groß ist selbst für ihn, den „Herrn der Zeit“, die Vorstellung einer Uhr, die läuft, solange es Luftdruck gibt auf der Welt.

Es fällt der Autofahrerin ein, dass sie kürzlich von 13 Milliarden Jahren gelesen hat, 13 Milliarden, die ein anderes Gerät, viel weiter gereist als ihr Navi, in die Vergangenheit geblickt habe. Einen Alternativvorschlag für die Menschheit hat es wohl leider nicht gemacht.

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