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Grab der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff auf dem Friedhof Meersburg am Bodensee.

Times mager

Meersburg

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Am Bodensee ist es wirklich so schön, wie es vor dreißig Jahren eine 60-Pfennig-Briefmarke versprach.

Was für eine wesentliche Rolle einmal die 60-Pfennig-Briefmarke im Leben junger Menschen spielte, merkt man auch daran, dass Meersburg auf diese Weise Jahrzehnte vor dem tatsächlichen Besuch zu einem Sehnsuchtsort wurde. Das lag am Bild einer Märchenburg am knallblauen, bergzipfelchengesäumten Wasser, aber auch am Namen, der zwei ungeheuer interessante Orte miteinander verbindet. Nun hielt sich die Sehnsucht offensichtlich in einem gewissen Rahmen. Insofern geschah nichts, bis jetzt.

Meersburg ist wirklich sehr schön, und anders als die meisten Tiefkühltorten sieht es so aus wie auf der Abbildung, sogar noch besser. Im Inneren wimmelt es von Menschen, die Eis essen, aber auch stets bereit sind, rasch eine Maske umzulegen. Beispielsweise um ein bisschen Nippes zu kaufen. Selbst der Nippes in Meersburg ist schön, jedenfalls nur etwas schrecklich. Viele gehen auch wacker ein Stück bergauf.

Aber eigentlich muss man noch weiter, noch weiter und noch etwas weiter, vorbei an Burg und Schloss und Kirche und Nippes und über die große Straße und in den Weinberg. Dann steht man vor dem Fürstenhäusel, das die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff sich 1843, fünf Jahre vor ihrem frühen Tod, ersteigerte und nett einrichtete. Heute ist hier ein kleines, hinreißendes Museum. Auch in der Burg war Annette von Droste-Hülshoff willkommen, bei Schwester und Schwager, dem Herrn von Laßberg, der einem im interaktiven Bereich dieser noch dazu topmodernen Einrichtung ins Ohr wispert: Er begreife ja nicht, weshalb sie auf einem so unstandesgemäßen Häuschen bestehe, außerdem lehne sie seine Ratschläge zu ihren Dichtungen rundweg ab. Die beiden sollen sich gut verstanden haben. Annette von Droste-Hülshoff sorgte aber für ein Zimmer für sich allein.

Wäre die Welt besser, wenn all die Menschen hurtig nach oben klettern würden, anstatt Eis zu essen und Nippes zu kaufen? Das ist nicht gesagt. Grandios, hier so für sich zu sein wie die Dichterin.

Auf dem Friedhof von Meersburg liegt sie bei den Laßbergs, ein kleiner Pfeil zeigt auf das richtige, wichtige Grab. Noch beim Urgroßneffen steht dabei, dass er der Urgroßneffe war. So viel Ruhm erreichen nicht viele.

Das Fürstenhäusel kostete 400 Reichstaler, die Annette von Droste-Hülshoff gerade als Honorar erhalten hatte. Schwer einzuschätzen heutzutage, was das für eine Summe war. Schwer einzuschätzen aber auch, was 60 Pfennig waren. Eine Briefmarke wurden pfleglich behandelt. War sie leichtsinnigerweise bereits aufgeklebt, und misslang dann das Schreiben der Adresse irreparabel, löste man sie unter Wasserdampf wieder ab. 60 Pfennig kostete das gute, aber nicht großartige Eis „Happen“.

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