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Mazeppa

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Von: Judith von Sternburg

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KOLOMNA MOSCOW Schauspieler in einer Szene aus Mazeppa 2019.
Schauspieler in einer Szene aus Mazeppa 2019. © Mikhail Metzel/Imago

Mazeppa, ein interessanter Opernschurke und Ukrainer mit bewegter Vergangenheit.

Der Kosaken-Hetman Mazeppa, wie Alexander Puschkin ihn beschreibt und Peter Tschaikowski ihm eine attraktive Baritonrolle komponiert hat, ist eine Figur mit vielen fesselnden Anschlüssen an die realexistierende Welt. Seine Gewalttätigkeit ist ein Opernevergreen im übergroßen Format und stellt Scarpia (den perfiden Schurken aus „Tosca“) womöglich noch in den Schatten. Das Opfer von Mazeppas Gewaltrausch inklusive massiver physischer Folter auf mehr oder weniger offener Bühne ist erstmal nicht der Tenor, sondern ein braver alter Bass und Vater. Mazeppa hat es auf sein Vermögen und seine Tochter abgesehen, er ist dabei selbst ein alter Mann. Dass Maria ihm zunächst folgt, zeigt, dass er nicht uninteressant ist. Das ist er auch wirklich nicht, und er singt sehr sanft und süß von der Schönheit ukrainischer Nächte.

Ja, Mazeppa ist Ukrainer, mit seiner Kosakenschar setzt er der russischen Umgebung ziemlich zu, ein ungebärdiger Geselle. Freilich hat sein historisches Vorbild (Iwan Masepa, 1639-1709) verschiedene Phasen der Rezeption durchlaufen, galt von Voltaire bis zur jungen Ukraine in den 1990er Jahren als Volksheld und Befreier, während er in der Sowjetunion zum Finsterling degradiert wurde. Lord Byron interessierte sich im gleichnamigen Langgedicht für die Jugendzeit des ungezogenen Kerls, als dieser Page bei Polens König Johann Kasimir war. Nach einer Affäre mit einer Frau aus der besten Gesellschaft wurde er dem Vernehmen nach nackt auf ein Pferd gebunden und mit diesem in die Wildnis geschickt. Eine fatale Situation, von Théodore Géricault in einem eindrucksvollen Bild festgehalten. Mazeppa überlebte mit knapper Not.

Auch wenn in diesen Tagen jedes Opernhaus, das eine „Mazeppa“-Produktion im Programm oder auf Lager hat, stolz darauf hinweist, wie aktuell dieses Werk auf einmal ist, ist es eigentlich nur aktuell, weil sich die meisten Deutschen jenseits der Klitschko-Brüder noch nie ernsthaft mit der Frage beschäftigt haben, wer Ukrainer sind. Grundgütiger, ein leibhaftiger Ukrainer, zwar ein Gewalttäter und ein Lustmolch, aber immerhin.

Die Oper „Mazeppa“ erzählt davon, dass einer brutal und zugleich zartbesaitet sein kann, ein Puschkin- und Tschaikowski-Thema. Mazeppa handelt hart und singt zart. Seine Liebe ist weit glaubwürdiger als die Scarpias, zumal Scarpia nicht liebt, sondern besitzen will. Mazeppa will die besitzen, die er liebt.

Puschkin und Tschaikowski gehen damit um, wie sie wollen, nicht im luftleeren Raum, aber doch mit der Komplexität, die einem Kunstwerk ansteht. Auch die Welt ist meistens komplex, aber nicht immer. Das macht es so kompliziert.

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