1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Don Marzipan

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martin Dahms

Kommentare

Reste eines großen Literaten: In einem Kloster in Madrid wurden offenbar Überreste von Miguel de Cervantes gefunden.
Reste eines großen Literaten: In einem Kloster in Madrid wurden offenbar Überreste von Miguel de Cervantes gefunden. © dpa

Ein Schriftsteller soll natürlich vor allem gelesen werden - aber die Spanier hätten sich zum 400. Todestag von Miguel de Cervantes ruhig ein bisschen anstrengen können.

#bigimage[0]

Hier liegt Miguel de Cervantes Saavedra“, verkündet seit kurzem eine steinerne Tafel im Inneren des Madrider Klosters der Barfüßigen Trinitarierinnen San Ildefonso. Eine gewagte Behauptung oder, wenn man will, poetische Wahrheit. Cervantes starb vor 400 Jahren, am 23. April 1616, vielleicht auch einen Tag früher, und wurde dann erst mal vergessen. Als sich Archäologen, Historiker und Anthropologen vor zwei Jahren im Kloster auf die Suche nach seinen Überresten machten, stießen sie nach langem Buddeln in der Krypta auf einen Haufen Knochen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Im Gemenge aus gut einem Dutzend Personen steckten ziemlich sicher auch ein paar Cervantesknochen. Die Überreste kamen in eine Kiste und die Kiste in eine Nische hinterm Eingang zur Klosterkirche. Hier liegt jetzt Cervantes.

Nun gäbe es also eine Pilgerstätte für alle Cervantesverehrer der Welt. Das Kloster der Barfüßigen Trinitarierinnen ist aber meistens geschlossen. Wer es besichtigen will, muss sich bei der Touristeninformation an der Plaza Mayor anmelden und dann noch Glück haben, dass ein Platz für ihn bei einem der geführten Besuche am Freitagabend oder Samstagvormittag frei ist.

Ein Schriftsteller soll natürlich vor allem gelesen werden, und immerhin kennt jedes spanische Kind die ersten Worte aus dem Quijote: „An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker ...“. Aber ein bisschen mehr Ehre hätte der Mann, der diese Worte schrieb, verdient, findet Darío Villanueva, Direktor der Spanischen Königlichen Akademie. Villanueva hätte sich zu Cervantes’ 400. Todestag „eine bedeutsame und auffällige Geste“ der Regierung gewünscht. Die ist ausgeblieben.

Irgendwas ist schiefgelaufen. Vor einem Jahr rief die spanische Regierung eine Nationale Kommission zum Gedenken an den 400. Jahrestag des Todes von Cervantes ins Leben, stattete sie mit vier Millionen Euro aus und bekam trotzdem kein Programm auf die Beine. Eine Cervantesausstellung in der Biblioteca Nacional ist der bescheidene Höhepunkt der Feierlichkeiten. Dafür stellt Toledo am Samstag „den größten Marzipan-Quijote der Welt“ vor, Valladolid prämierte während des Karnevals „die beste cervantinische Zombie-Verkleidung“ (1. Preis: eine Nacht im Hotel Arzuaga mit Abendessen und Spa-Besuch für zwei Personen), und in Alcalá de Henares, Cervantes’ Geburtsstadt, dürfen Wände „in heruntergekommenen Gegenden der Stadt“ mit Graffiti „cervantinischer Thematik“ besprüht werden.

Wen das nicht lockt, dem bleibt noch die „Don Quijote“-Lektüre.

Auch interessant

Kommentare