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Weiße Bällchen in Wiesenlandschaft: Golfspieler sind es gewohnt, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Times Mager

Martin Schulz und das Golf-Vorurteil

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Was sagt der Privatmann zu Martin Schulz’ Anmerkungen zu einer beliebten Sportart?

Bei Tisch kam das Thema dann doch noch einmal auf Martin Schulz und die Golfer. Ein Golfer war anwesend und sprach von Diffamierung, tat dies aber auf eine sehr sympathische Weise schlapp. Selbst ihm, auf den alles zutraf, was Herr Kobold, Chef des Deutschen Golf Verbands, in einem Schreiben an den SPD-Kanzlerkandidaten vorbrachte – politische Neigung, Automarkenpräferenz –, fiel es schwer, sich zu ärgern. Es sei halt dumm vom Schulz, sagte er.

Golfer sind das gewöhnt. In der eigenen Familie müssen sie sich anhören, dass eine ausführliche Partie ihres Hobby inklusive Anreise gerechnet locker an die tariflich vereinbarte Stundenzahl eines Arbeitstages in der Medienbranche herankommen kann (lockerer als mancher Ball ans dafür vorgesehene Bodenloch). Nun sind tariflich vereinbarte Stundenzahlen eines Arbeitstages in der Medienbranche verflucht relativ, aber die Länge einer Golfpartie ist es auch. Die Suche nach Bällen, die Befreiungsschläge aus dem Bunker, so vergeht die Zeit. Wenn Familienangehörige dumm daherreden (aber privatissime und schon darum nicht so dumm wie Schulz), lächelt der Golfer freundlich, klettert mit Golfsack, Ersatzbällchen und Schokoriegel für Loch 9 in seinen Opel Astra und braust davon. Aber, Kobold hat recht, er hätte sich fast einen Golf gekauft.

Vorurteile, immer scharf zu verurteilen, werden letztlich zu Recht etwas unterschiedlich behandelt. Wenn es keinen Armen trifft, fehlt der Kritik der richtige Schwung. Fast alle Wiesbadener Kinderlein dürften einst auf dem Rücksitz gehört haben, wie es vorne gegen Porschefahrer und Mainzer ging. Der Porschefahrer ist gegenüber dem SUV-Fahrer heute deutlich im Rückgang begriffen und auch straßentechnisch in der Defensive. Kürzlich hing (übrigens in Mainz) einer fest, weil der Abstand zwischen Bauch und Bordsteinkante zu gering war. Das war ein trauriger Anblick. Grinsende junge Männer traten hinzu, um das Auto zu befreien. Dass auch SUV-Fahrer es schwer haben, sich etwa in die vorgesehene Fläche eines Parkplatzes einzupassen, machen sie dadurch wett, dass sie einfach zwei Plätze nehmen. Die Vorurteile gegen Mainzer Autofahrer machen Mainzer Autofahrer dadurch wett, dass sie gegen Wiesbadener Autofahrer wettern. Wettern ist hier ein Euphemismus. Der Mainzer ist hart drauf, wenn es um die andere Rheinseite geht. Wenn er selbst dort hingeht, sagt er angeblich, nun müsse er den Schlips anziehen (für Wiesbadener: Krawatte). Dass der Deutsche Golf Verband seinen Sitz in Wiesbaden hat, passt in sein Weltbild wie ein Wiesbadener Ananastörtchen.

Gleich platzt das Times mager vor Vorurteilen. Das ist nicht fein. Morgen wird das Niveau wieder deutlich angehoben.

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