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Marderisch

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Von: Sylvia Staude

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Marder tauchen in Erzählungen gerne im engeren Kontext mit Autoteilen auf.
Marder tauchen in Erzählungen gerne im engeren Kontext mit Autoteilen auf. © imago/blickwinkel

Zuletzt lachte er sich vermutlich ins Pfötchen: Von Marder-Geschichten und anderem Getier.

Das Tier brauchte nur einmal durch den Garten zu huschen – es dämmerte, die Konturen verschwammen bereits – und war schon Gesprächsthema. Die einen hielten es für eine Katze. Denn war dieser Garten nicht viel zu zivilisiert, zu domestiziert für etwas, das keinen Napf in einem der Nachbarhäuser stehen hatte? Die anderen stimmten im Prinzip zu, meinten aber, ein aparter kleiner Hund sei irgendwo durchgeschlüpft. Solle man ihn nicht besser suchen gehen, vielleicht vermisse ihn ja jemand? Da wagte einer die These, das müsse ein Fuchs gewesen sein, die sind doch ... wie heißt das noch? Kulturfolger? Ach ja, Füchse, echote der ganze Tisch und jeder hub an, eine Fuchs-Geschichte, eher ein Fuchs-Märchen, fein zurechtgebürstet, zu erzählen.

Für einen Augenblick war es still. Man nahm einen Schluck Wein. Dann, als wäre der Groschen gefallen, begann einer mit einer Marder-Erzählung. Gleich wusste auch ein zweiter und dritter eine beizusteuern. Es waren ausnahmslos Auto-Marder-Geschichten, als gehörten diese beiden Dinge zwangsläufig zusammen.

Von verheerend spitzen Zähnen war die Rede. Und vom seltsamen Geschmack eines wieselflinken Tieres, das sich gern an schlauchförmigen Autoteilen labt. Warum, fragte einer in die Runde, sichert die Autoindustrie eigentlich Fahrzeuge noch nicht gegen Marderbiss? Ja, rief alles fröhlich, statt bei den Abgaswerten zu schummeln!

Zwei Tage später galt es, die Heimreise anzutreten von Garten, Geselligkeit, Fuchs oder Katze (den Hund hatte man noch gemeinsam verworfen). Und so zügig, wie die Autobahnkilometer schwanden, schwand auch das Kühlmittel. Beim ersten Alarm machte der Beifahrer noch einen Marder-Witz (Was ist das, wenn Marder in den Streik treten? Nerzstillstand), beim zweiten, dritten, vierten bot er an, in der Autobahntoilette die Wasserflasche nachfüllen zu gehen. Während die Fahrerin schon mal die Motorhaube öffnete.

Der Mensch aber ist der größte Kulturfolger von allen und beginnt darum nach mühsamer Heimkehr umgehend, es sich in der ihm just passierten Geschichte heimisch zu machen, um fortan in Auto-Marder-Runden mitreden zu können. Am liebsten mit Pointe. Wie er nämlich in einer geselligen Auto-Marder-Runde die Meinung vertrat, das zur Rede stehende Tier müsse eine Katze gewesen sein – denn machen Marder nicht so was wie Winterschlaf? Daraus hatte sich eine lustige Eichhörnchen-Diskussion entwickelt. Dann ein ausgelassenes Siebenschläfer-Gespräch. Der Marder war ganz vergessen.

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