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Malaise

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Von: Sylvia Staude

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Schnell kann die Selbstkontrolle entgleiten.
Schnell kann die Selbstkontrolle entgleiten. © Rolf Vennenbernd/dpa

Hat sie schon eine Schreibblockade? Bahnt sich diese erst an? Und was würde man als ernstes Symptom bezeichnen?

Erleben Sie hier die Journalistin einmal als Hypochonderin. Denn wahrscheinlich kann man sich nicht nur Krankheiten einbilden, die unbedingt von einer Ärztin, einem Arzt zu behandeln wären, hätte man sie denn. Sicherlich kann man sich auch einbilden, eine für das eigene Leben, den eigenen Beruf problematische seelisch-moralische Malaise zu haben, beziehungsweise, sollte sie wider Erwarten noch nicht aufgetreten sein, bestimmt kurz davor zu stehen. Im Fall der Journalistin die: Schreibblockade.

Ist es etwa schon ein erstes, durchaus ernstes Symptom, wenn sich die Schreiberin nicht entschließen kann, über was sie schreiben möchte? Ideen purzeln durch ihren Kopf. Aber nee, darüber hat sie doch schon x-mal … Och, bloß nicht, dazu ist doch schon alles gesagt worden, von allen … und hierüber hat sie erst vor wenigen Tagen einen brillanten Text von J. gelesen. Schon bildet sie sich auch ein, dass Leserin A. zu Leser B. sagen würde: Also, zu diesem Thema habe ich weiß Gott schon Besseres gelesen. Kürzlich habe ich mir sogar was ausgeschnitten, guck doch mal in die Schublade, dort muss es sein. (Kaum hat sie sich das eingebildet, verwirft die Schreiberin die Idee, einfach mal ein bisschen abzuschreiben von jenen, die ganz sicher noch nie keine gute Idee und auch noch nie eine Schreibblockade gehabt haben.)

Wie wäre es mit einem jahreszeitlich passenden, zwischen Herbstdepression und Weihnachtsratlosigkeit angesiedelten Thema? Ach, nicht schon wieder. Oder mit einer Naturbeobachtung (letzte Hummel auf dem Balkon, Herbstzeitlose auf der Odenwald-Wiese u. ä.)? Seufz. Noch weniger kann sich die Schreiberin vorstellen, auch nur noch einen einzigen Witz zu reißen über Donald Trump. Wenn schon der große Stephen Colbert ihn nicht zum Verschwinden bringen konnte, dadurch, dass er prinzipiell den Namen T. nicht mehr ausspricht – was soll da das bereits zu seiner Amtszeit zunehmend verzweifelte, als sinnlos empfundene Scherzen einer Frankfurter Redakteurin bewirken? Gewiss weniger als der Flügelschlag eines Schmetterlings.

Aber müsste das Internet in Sachen Schreibblockade nicht Rat wissen, so wie es für alles Rat (freilich auch Unrat) hat? Oh ja.

„Lesen Sie andere Texte“, liest die Schreiberin da. (Aber das ist doch das Problem, dass sie genau das tut und dann ins Schneckenhaus kriechen möchte.) „Wechseln Sie den Ort, an dem Sie schreiben“ und „Schalten Sie Störfaktoren aus.“ Nun, stiller als an einem Novembersonntag im Büro kann es nicht werden, wo das Sausen der Straßenbahn schon das Lauteste ist. „Machen Sie eine kurze Pause“: die lange Pause ist schon gemacht, was nun? „Beginnen Sie mittendrin“: Für diesen Rat ist es jetzt mehr als nur ein bisschen zu spät.

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