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Mai 68

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Von: Christian Thomas

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Prometheus hat das Rebellentum unter die Menschen gebracht. Es ist lange her und wirkte lange nach.

Prometheus ist nicht von Anfang an da. Denn an dem Tag, an dem er erstmals auftritt, findet er sich in der von Zeus bereits eingerichteten Welt wieder. So viel zur Chronologie. Was Zeus schuf (in die Welt setzte), ist ein stark hierarchisch organisierter Kosmos. Organisiert, das darf man wohl so sagen, heute noch. Es ist ein geordnetes Universum. Dass er es hinterließ, hat damit zu tun, dass Zeus heute nicht mehr so gegenwärtig ist. Er verlor als Gott seine Allgegenwart (Präsenz). Ganz abgesehen davon, dass er trotz seiner Alleinstellungsmerkmale ein Gott unter vielen Göttern war.

Es gibt Stimmen, die sagen: Was Zeus aus dem Kosmos machte, entsprang einem Kraftakt. Auch wenn Zeus kein Schöpfergott war, so hat er doch Struktur in die Welt gebracht. Bei allem, was man gegen Zeus einwenden könnte, und Kritik an ihm, seiner Herrschaft, seiner Selbstherrlichkeit, seiner Person, seiner Eitelkeit erhoben seine Rivalen in der Götterwelt: Bei allem war er doch ein umsichtiger Gott, was aber auch die Menschen immer wieder bestritten haben, seit langem schon. Sie waren nicht die unmittelbaren Zeitgenossen des Zeus, sie waren zu dem Zeitpunkt der Kämpfe in der Götterwelt nicht einmal Zeugen. Sie waren für die Götter lange Zeit nicht existent. Über die Dauer dieser Zeit gibt es keine verlässlichen Angaben. Die Menschen kamen auf jeden Fall später. Das galt nicht nur chronologisch, damit mussten sie sich auch hierarchisch abfinden.

Ein Problem, zweifellos. Eines, das sich ausgewachsen hat. An dieser Stelle kommt Prometheus schon deswegen ins Spiel, weil er den Menschen nicht nur geschaffen hat (haben soll, heißt es auch), sondern ihn beeinflusst hat, um sich aufsässig zu verhalten. Kaum hat er die Menschen geschaffen, wird er für sie zu einem Glücksfall. Er ist der Titan zur rechten Zeit, am rechten Ort, er ist pfiffig, er ist listig, die Menschen macht er rebellisch, aber wuschig irgendwie auch. Er lässt, wie immer wieder erzählt, den Geist aus der Flasche.

Er weicht den Göttern nicht von der Seite, vor allem Zeus nicht. Aber er steht auf der Seite der Menschen. Es gibt viele sehr unterschiedliche Darstellungen über die Rolle des Prometheus. Und auch wenn es der Menschheit seit langem schon schwerfällt, sich auf eine verbindliche Prometheus-Legende zu einigen, so hat einer der großen Forscher der griechischen Mythen, Jean-Pierre Vernant, eine besonders abente

uerreiche Interpretation in Umlauf gebracht. Gab er doch zu bedenken, Prometheus habe in der von Zeus errichteten Ordnung und auf dem Olymp, im Innern der Götterwelt, „eine Art Mai 68“ angezettelt. Wer an Prometheus glaubt oder ihm doch zumindest etwas abgewinnen kann, darf auch von dieser Lesart felsenfest überzeugt sein.

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