+
Um den Hering streiten sich viele - auch die Silbermöwe.

Times mager

Mahlzeit

  • schließen

1 Redakteur, 1 Chefredakteur, 1 Heringssalat. Was nun?

Angebot und Nachfrage verirrten sich im Wald. Es war so finster und auch so bitterkalt. Moment – anders: Angebot und Nachfrage verirrten sich im Markt. Er war so günstig von Tee bis Kräuterquark. Sie kamen ans Regalchen von Fischprodukten fein. Wo mag denn bitte der Heringssalat sein?

Die Sache ist ernst. Wer regelmäßig keine Mittagspause macht und daher auch nicht mit den Kollegen in die Kantine geht, um sich den Magen zu verrenken und anschließend in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf zu fallen, der den Nachmittag als Produktionszeitraum für Lesbares marginalisiert – wer also nur schnell etwas in sich hineinstopft und dabei die Computertastatur vollkrümelt, der hat Probleme. Mit der Nahrungsbeschaffung.

Der kürzeste Weg ist der Weg zur Cafékettenfiliale nebenan. Sie wurde im Sommer per Klimaanlage auf eine so niedrige Temperatur heruntergekühlt, dass man täglich damit rechnete, dankbare Eisbären dort anzutreffen. Die Filiale hat belegte Brötchen. Durchaus schmackhafte belegte Brötchen. Aber erstens so teuer, dass man auch gleich in die Kantine gehen könnte, wenn es die Zeit zuließe, zweitens meist von einer Menschenschlange belagert, die bis in die ursprüngliche Heimat der Eisbären reicht, und drittens ausverkauft, wenn man eine Sekunde zu spät kommt.

Es sollen schon Leute um 13.35 Uhr in die Cafékettenfiliale geeilt sein, die Auslage betrachtet und dann im Büro etwas gestammelt haben von „DDR“ und „Mauer wieder da, aber zu weit links“.

Die zweitkürzeste Pirsch auf der Jagd nach Mittagsbeute führt in den Discounter – den einzigen übrigens, der Teilen seiner Kundschaft mittels eines Sprungs über die Straße entgegenkam, ja, der ganze Supermarkt, über die stark befahrene Straße, ob ihrer bitteren Armut an Verkehrsampeln auch Todeszone genannt. Der Gang zum Discounter ist also inzwischen weniger riskant als jener zur Kantine, die weiterhin jenseits der Todeszone liegt. Er birgt aber andere Gefahren. Der ärgste Konkurrent um den einzig genießbaren Heringssalat ist, wie sich jüngst zeigte, der Chefredakteur. Was tun? Dem Chef die letzte Portion vor der Nase wegfischen? Oder vorauseilend auf den Frischkäse mit Meerrettich ausweichen?

Im Übrigen sollte man den Teufel tun, Kollegen zu erzählen, welcher der beste aller Heringssalate ist, besonders wenn bei jeder neuen Lieferung lächerliche zwei von zwölf Töpfchen die begehrte Sorte enthalten. Dazu nur so viel: Die Überzeugung, alle Menschen hätten große Sehnsucht nach Zwiebeln und Äpfeln im Heringssalat, wird den Produzenten noch mal ganz böse auf die Füße fallen. Darauf einen Pfefferkuchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion