Was die wohl beschleunigen wollen?
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Vielleicht klappt‘s ja.

Times mager

Magisch

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Magisches Denken ist umständlich, aber man kann einiges damit erreichen, manchmal.

Magisches Denken, eine besonders weltliche und verbreitete Form des Aberglaubens, erfordert einigen Einsatz. Menschen verbringen die entscheidenden Spiele ihrer Lieblingsmannschaften darum schräg hinter dem Fernseher. Andere lassen sich erbarmungswürdige Bärtchen wachsen, um die Abiturnote leicht zu korrigieren. Dritte stellen in aussichtsreicher Position irgendwelche Bemühungen ein, um eben dies oder das zu erreichen.

Dies und das hat mit den sonstigen Bemühungen nichts zu tun. Ursache und Wirkung stehen eben gerade in keinem Zusammenhang, das ist der Punkt. Entscheidend ist es, einen gewissen Schaden, Nachteil, eine Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, um Schlimmeres zu verhindern. Wenn ich auf einem Bein stehe, kommt die Bahn (hier sind allerdings Raucher im Vorteil, da der nicht magische, aber mysteriöse Zusammenhang zwischen dem Entzünden einer Zigarette – selbstverständlich im dafür gekennzeichneten Bereich – und dem sofortigen Eintreffen des Zuges erwiesen ist).

Der Zusammenhang zu wirtschaftlichen Vorgängen ist eng. Wie dort gibt es im großen unlogischen Wenn-Dann auch die Variante, dass das Schicksal in Vorleistung treten muss. Ähnlich wie ein Taxifahrer. Das fördert den Leichtsinn und ist der Moment, wo so arge und folgenreiche Sätze ausgesprochen werden wie: „Ich werde Mönch.“ „Ich opfere das Erste, was mir zu Hause entgegenkommt.“ Seltener ist aus frankfurterischer Sicht der Satz: „Fahren Sie mich nach Husum.“ Was noch einmal den Unterschied zwischen magischem Denken und Schnapsideen veranschaulicht. Dieser Unterschied spricht nicht unbedingt für das magische Denken, sofern man es hier überhaupt noch als magisches Denken bezeichnen will. Denn unter Umständen hat inzwischen ein Gott eingegriffen und entsprechende Forderungen gestellt. Gewissermaßen aber entscheidet der Mensch dennoch selbst. Er könnte sagen: wer’s glaubt. Oder: Ich lass mich nicht erpressen. Stattdessen denkt er: kommt Zeit, kommt Rat. Oder: Es kann nur Bello sein.

Die harmloseste Version des magischen Denkens sind kleine unauffällige Sicherheitsmaßnahmen. Sich abends mit einem „Bis morgen“ verabschieden, damit es eine Brücke in die Zukunft gibt und jeder gut wieder aufwacht. Oder sich abends niemals mit einem „Bis morgen“ verabschieden, weil das einmal schiefgegangen ist. Es bleibt ein Feld, auf dem höchste Vorsicht angebracht ist.

Der Kniff mit dem Beschleunigen der Bahn durch einbeiniges Stehen (sauanstrengend) war jüngst an der Haltestelle Bornheim Mitte zu beobachten. Der Tipp kam von der Mutter und richtete sich an ein nörgelndes Kind. Betrug? Direkter Weg in die Zwangsstörung? Jedenfalls: Das Kind konzentrierte sich, die Bahn kam.

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