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Times Mager

Märtyrer

  • VonChristian Schlüter
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Klar, man kann sich nicht für alles interessieren. Es sind vor allem unsere Erwartungen und Vorurteile, die den Fokus unserer Aufmerksamkeit lenken - etwa auf den Tod von Michael Jackson. Von Christian Schlüter

Klar, man kann sich nicht für alles interessieren. Jedenfalls nicht für alles auf einmal. So ist das nun einmal. Und wir können wirklich nichts dafür. Es sind vor allem unsere Erwartungen und Vorurteile, die den Fokus unserer Aufmerksamkeit lenken.

Dazu nur ein Beispiel: der Tod von Michael Jackson. Niemand sonst in unserer Gesellschaft, keine andere Person des öffentlichen Lebens dürfte den uns alle dominierenden Imperativ so sehr verkörpert haben, aus seinem Leben, aus sich selbst etwas zu machen, einzigartig zu sein, sich neu zu erschaffen, unablässig zu verbessern und zu formen. Niemand sonst ist diesem Imperativ in derart exzessiver Weise gefolgt. Die paradoxe oder auch tragische Folge dieses Exzesses war nun allerdings: Je mehr Jackson aus sich selbst etwas zu machen schien, desto mehr löste er sich auf, körperlich wie künstlerisch.

Der Imperativ unbedingter Selbstermächtigung führt in seiner letzten Konsequenz zur Selbstauslöschung. Eben dieses Prinzip beschreibt auch die Dynamik eines anderen, bereits eine Weile andauernden mentalen Großereignisses, der so genannten Finanz- und Bankenkrise: Die unbedingten Machbarkeitsimperative des Marktes zerstören diesen selbst. Mit anderen Worten, in der Person Michael Jacksons und ihres Todes erschien uns nur, was derzeit ohnehin unsere Aufmerksamkeit lenkt. Jacksons Tod kam in diesem Sinne zur rechten Zeit, ja, er musste jetzt sterben. Jackson starb als einer von uns, stellvertretend für uns. Daher die Züge religiösen Wahns in all den weltweiten Trauerbekundungen. Daher auch die überwältigende Anteilnahme, die alles andere von der Tagesordnung zu verdrängen schien.

Nicht einmal nur verdrängt, weil es auch vorher schon eine eher untergeordnete Rolle spielte, wurden beispielsweise die Demonstrationen im Iran. Das hat seinen Grund vor allem darin: Innerhalb des Horizonts unserer Erwartungen ist es nicht vorgesehen, dass es in einem islamischen Land so etwas wie eine Demokratiebewegung gibt. Und so geschehen im Iran gerade Dinge von welthistorischem Ausmaß - allein, es interessiert uns nicht. Märtyrer erscheinen in den westlich-kapitalistischen Gesellschaften nur noch im Medium des Pop. Im Iran aber sterben Menschen für die Freiheit.

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