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Märchenland

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Von: Lisa Berins

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Mit dem Neun-Euro-Ticket alleine ist es nicht getan.
Auf gehts... © Lennart Preiss/dpa

Manche entdecken bei ihren Reisen mit dem Neun-Euro-Ticket ganz neue Welten –  auch fantastische.

Es war einmal ein Völkchen, das tief im Berge unterm Marburger Schloss lebte. Es waren kleine Wesen, blass, weil sie kaum Sonnenlicht sahen, aber dafür waren sie umso gescheiter, denn sie studierten jeden Tag in ihren Höhlen. Viele Jahrhunderte lang wohnten sie dort, friedlich und verborgen in den Tiefen der Erd- und Gesteinsschichten.

Doch dann begab es sich, dass die Herrschenden im großen Land alle Menschen auf die Reise schickten – die Reichen und die Armen, die Jungen und die Alten, die Weltgewandten und die Weltfremden. Und so war sogar das Volk im Berge nicht mehr vor den Neun-Euro-Ticket-Tourist:innen sicher, die von nun an ihre Ruhe störten.

Eines Tages machten sich auch zwei Freunde von einem anderen Winkel Hessens auf die Reise quer durch das Land: ein junger Mann im hellen Leinenanzug, und ein anderer junger Mann, der ganz in Schwarz gekleidet war. Nennen wir sie Hänsel und Joringel.

Hänsel und Joringel saßen wie so oft in den vergangenen Wochen im Regionalexpress, der sie ins schöne Städtchen Kassel bringen sollte. Dort, hatten sie gehört, gab es eine sagenumwobenen Kunstausstellung. „Ach, die Documenta ist nur alle fünf Jahre? Dann ist das ja was ganz Besonderes“, freute sich Hänsel. Voller Abenteuerlust fuhren sie im Bummeltempo durch die Landschaft und sprachen über Dinge, die eine „ältere Generation ab 30 nicht versteht“.

Dann fragten Hänsel und Joringel ihre Smartphones, was sie neben der Documenta an diesem Tag noch alles in Kassel besichtigen könnten. „Schau mal, dieser Herkules, der soll ja phänomenal sein“, schlug Hänsel vor. Joringel wägte ab, ob das zeitlich machbar ist, er musste am Abend noch nach Leipzig weiterfahren. Aber Hänsel hatte schon die nächste Attraktion gefunden. „Das hier klingt ja interessant: Es gibt in Kassel eine Grimmwelt! Was soll das denn bitte sein?“ Als Joringel nicht antwortete, überlegte Hänsel laut weiter. „Grimm – was bedeutet das? Es sagt mir gar nichts.“

Alsbald fuhren sie an Marburg vorbei. Durch das Zugfenster bestaunten die beiden das alte Schloss des Studentenstädtchens und waren begeistert. Marburg, das ist dort, wo „die Menschen im Berg leben“, wusste Joringel. „Ach wirklich?“, staunte Hänsel. Er hatte bisher nichts von diesem Völkchen gehört, und war ungemein neugierig. Das nächste Ausflugsziel war gefunden. Auf in ein neues Abenteuer, das zwar das scheue Bergvolk nicht freuen wird, das aber jede Geschichtenerzählerin beglückt.

Und wenn Hänsel und Joringel nicht den nächsten Regionalzug verpasst haben, dann reisen sie noch immer durch ihr wunderliches Märchenland.

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