Ein weitaus bekannteres Volksmärchen: Die Bremer Stadtmusikanten.
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Ein weitaus bekannteres Volksmärchen: Die Bremer Stadtmusikanten.

Times mager

Märchen

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Klar, 1891 hat man den entspannten Ausdruck „sich nicht mehr einkriegen“ noch nicht gekannt.

Es ging um irgendeine technische Einrichtung, und Kollegin N. erzählte von einer Situation, in der sie (die Einrichtung) plötzlich und unerwartet funktionierte. Da sei der Jubel der Anwesenden groß gewesen, berichtete Kollegin N. „Sie wussten sich gar nicht zu lassen.“

Sofort hob ein großes Googeln an, denn schließlich hatte Kollegin N. nicht gesagt „Sie konnten nicht an sich halten“, „Sie waren außer sich“ oder notfalls auch „Sie kriegten sich nicht mehr ein“, sondern eben „Sie wussten sich gar nicht zu lassen“.

Kollegin N. behauptete zwar, es handele sich um eine gängige Formulierung (und lieferte Belege aus obskuren Wörterbüchern), aber die Verwendung erscheint doch eher begrenzt. Gibt man den Satz so ein, wie sie ihn aussprach, liegt die Zahl der Treffer bei genau zwei. Und beide nennen dieselbe Quelle, nämlich „Die Königin von Tiefenthal“, ein angeblich pommersches Volksmärchen, auch wenn sich ein pommersches Tiefenthal selbst durch intensives Googeln nicht auffinden lässt. Märchen halt.

Jedenfalls begegnet ein armer Fischerjunge auf etwas komplizierten Wegen einer Königin, wird umstandslos König und besucht anschließend seine armen Eltern, die ihn aber nur als König erkennen, „und sie wussten sich gar nicht zu lassen vor Dienern und Knicksen“.

Klar, die Märchensammlung ist von 1891, da kann man ein entspanntes „kriegten sich nicht mehr ein“ kaum erwarten. Aber „wussten sich nicht zu lassen“? Ist es gut, wenn man sich zu lassen weiß? Ist man dann am Ende gelassen? Kann man das lernen? Von Kollegin N.: keine Angabe.

Allerdings war es Kollegin N. selbst, die sich nicht mehr zu lassen wusste, als sie das Vorwort von Ulrich Jahn, dem damaligen Herausgeber der „Volksmärchen aus Pommern und Rügen“, las. Sein Bedürfnis, „meinen Landsleuten ihr Volkstümliches, das dem Ansturm der modernen Kultur kaum lange mehr standhalten dürfte, wenigstens literarisch zu erhalten“, stoße durchaus auf ihr Verständnis, so Kollegin N. Aber die Fortsetzung?

„Die Gebildeten — Dickköpfe nennt sie der gemeine Mann und begreift darunter den Edelmann und den Kaufherren, die studierten Leute und die Beamten — tragen fast niemals etwas Volkstümliches in sich, in den weitaus meisten Fällen hassen und verachten sie es sogar. (...) Und die Herren, denen die Sorge für die geistige Pflege des Volkes anvertraut ist, stehen in der Verachtung des Volkstümlichen, mit andern Worten des wirklich Nationalen, obenan.“

Kollegin N. sagte: „Hoffentlich kriegt der Höcke das nicht in die Finger.“ Stimmt, wahrscheinlich wüsste er sich nicht zu lassen.

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