1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Männertisch

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Sogar bei  Stockfoto-Agenturen wird man mit schlecht gestellten Bildern fündig.
Sogar bei Stockfoto-Agenturen wird man mit schlecht gestellten Bildern fündig. © imago/Westend61

Was machen Männer, während ihre Frau oder Freundin einkauft? Sie sitzen irgendwo und starren vor sich hin, wie die Fotoserie „Miserable Men“ beweist.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Männer 27,1 Prozent ihrer Lebenszeit damit verbringen, in Boutiquen oder Kaufhäusern herumzulungern, darauf wartend, dass ihre Frauen aus der Umkleidekabine treten und fragen: „Steht mir das, Knuffelbär?“

Nein, das war natürlich gelogen, die Studie gibt es gar nicht. Wahrscheinlich ist es viel mehr Lebenszeit. Als Kronzeuge dient Matt Stroud aus Portland, Oregon. Er hat gut 1300 Fotos veröffentlicht, die Männer beim Warten auf ihre konditionsstärkeren Hälften zeigen. Sie sitzen allein auf Polstersesseln und starren vor sich hin. Sie sitzen verteilt auf Treppenstufen und starren vor sich hin. Sie sitzen auf Massagestühlen und starren vor sich hin.

Sie sitzen zu dritt nebeneinander auf einem Sofa und starren in ihre Smartphones. Sie sitzen auf unbequem wirkenden Systemmöbeln und dösen. Sie fläzen breitbeinig. Sie hocken versunken vornübergebeugt. Sie legen das rechte Bein quer über das linke. Oder umgekehrt. Einer sitzt auf dem Boden im Shoppingcenterflur neben einer drei Meter langen Batterie von Einkaufstüten. Und starrt vor sich hin.

Als Matt Stroud begann, die Bilder der „Miserable Men“ (so heißt sein Konto beim Online-Fotoalbum Instagram) ins Netz zu stellen, traf er offenbar einen Nerv: Aus aller Welt kam Nachschub. „Viele schicken Fotos ihrer Ehemänner und Freunde“, sagte er „Spiegel online“. Männer in kurzen Hosen. Männer im bodenlangen weißen Gewand mit Kopftuch. Männer in Badelatschen. Wartend auf ihre Frauen.

Dabei kann das eine ausgesprochen kurzweilige Sache sein. Ein Selbstversuch jüngst in der Moselmetropole Trier führte in ein mehrstöckiges Kaufhaus, das ausschließlich Damenbekleidung im Sortiment hat. Normalerweise ein stundenlanges Martyrium für den Begleiter. Dort jedoch gibt es einen langen Tisch extra für Männer – einen Hort der Geselligkeit. Man sitzt zu zweit oder zu acht, blättert in „FAZ“ oder „Freundin“ und muss schon allein über die Situation vor sich hin grinsen. Die geringste Bemerkung eines der Beteiligten führt zum kollektiven Lachanfall. Und lockt die Verkäuferinnen an.

„Kann ich den Gentlemen noch etwas Gutes tun?“ – „Glas Wein wäre nicht schlecht.“ Gelächter. „Trockenen Rotwein? Kommt sofort.“ Kommt natürlich nicht. Aber die shoppenden Damen kommen, eine nach der anderen, kommentiert von den kichernden Kerlen: „Mein Herr, Sie werden von Mutti abgeholt.“

Wie oft sind wir beim Schweden am Småland vorbeigeschlurft, neidisch ins Bällebad schielend. Es gibt Gerechtigkeit.

Auch interessant

Kommentare