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Made in USA

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Von: Sylvia Staude

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Von links: Trousers, pants, trousers.
Von links: Trousers, pants, trousers. © rtr

Seltsam, dass gestandene Englisch-Übersetzer seit einigen Jahren auch aus einer Sprache übersetzen, die es gar nicht gibt.

Ein süß-saftiges Gedicht waren die Marillenknödel der Großmutter. Am liebsten hatte sie das Kind gleich im halben Dutzend auf dem Teller, mit zerlassener Butter und Semmelbrösel. „Semmélnbröséln“ scherzte die Großmutter, nachdem sie im Fernsehen Karl Valentin gesehen hatte. In der Schule lernte das Kind, dass Marillen an Aprikosenbäumen wachsen. Und dass auch die Ribisel, aus der die Großmutter so herrliche Marmelade machte, auf Hochdeutsch nicht Ribisel hießen, sondern Johannisbeeren. Das störte das Kind nicht im Geringsten, zwei Wörter für etwas Leckeres sind besser als eines.

Die Großmutter, verstand das Kind später, hatte außer Wörtern kaum etwas nach Bayern mitbringen können nach dem Krieg, aber diese Wörter pflanzte sie ein im Familienkreis. In dem sich bald österreichisches, bayerisches, hochdeutsches Vokabular selbstverständlich mischte.

Trousers? Pants!

Das Kind wurde erwachsen, studierte Englisch, ging nach Kanada, reiste in die USA, merkte, dass auch das Englische sich auffächert je nach Einwanderermischung oder Weltgegend, in der es wächst. Die „trousers“ sind in Amerika „pants“, auch hat man dort einen Hang zu Effizienz, indem man nämlich „color“ statt „colour“ schreibt. Nun ja. Die Anglistin stellte fest, dass sie die USA-Einheimischen meist leichter verstand als Iren oder Schotten. Oder gar, excuse me?, einen Engländer aus Birmingham.

Warum wir das erzählen? Unter deutschen Verlagen geht seit einigen Jahren eine offenbar hochansteckende Dummheit um: Bücher englischsprachiger Schriftsteller aus den USA werden angeblich „aus dem Amerikanischen“ übersetzt – aus einer Sprache mithin, die es nicht gibt. Seltsamerweise macht man nur vor der Weltmacht USA diesen Kotau, weder findet sich die Angabe „aus dem Neuseeländischen“ noch „aus dem Irischen“ (das würde ohnehin das irische Gälisch meinen). Wenn man übrigens in einer New Yorker oder Londoner Buchhandlung nach Peter Handke, Thomas Bernhard, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch greift, steht im Buch doch glatt „translated from the German“.

Die meisten Verlage machen inzwischen mit beim „Amerikanisch“-Schwachsinn, ziehen sich jedes Paar Pants an: Suhrkamp, Rowohlt, KiWi, C. H. Beck – you name them. Versprechen sie sich höhere Verkaufszahlen, wenn Made in USA blinkt? Ist nicht genug Platz für ein korrektes „aus dem amerikanischen Englisch“? Und warum wehren sich die Übersetzer nicht, die doch eine Sprache namens Englisch gelernt haben, um ihr Handwerk auszuüben? Sie sollten sich den Quark verbieten. Wahlweise den Topfen.

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