Masken: Keiner wird scharf darauf sein, aber so geht das Spiel, wenn man derzeit in Salzburg ins Theater will.
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Masken: Keiner wird scharf darauf sein, aber so geht das Spiel, wenn man derzeit in Salzburg ins Theater will.

Times mager

Machtprobe

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Sie haben ein Attest, sagen die beiden. Sie haben aber keine Maske, sagen die beiden. Und rechnen nicht mit der Einlassserinnenchefin.

Showdown im Großen Festspielhaus. Da sitzen ein Mann und eine Frau, 60 bis 65, und tragen keine Mund-Nase-Bedeckung. Das ist nicht erlaubt. Die Mund-Nase-Bedeckung darf erst mit Beginn der Vorstellung abgenommen werden. Viele sind das nicht gewöhnt, das Personal hat zu tun. Einlasserin I bittet also auch den Mann und die Frau, die Masken wieder aufzusetzen. Die Frau sagt, sie habe ein Attest und müsse keine Maske aufsetzen. Einlasserin I ist verblüfft und weist darauf hin, dass der Herr neben ihr ebenfalls keine Maske trage. Die Frau sagt, ihr Mann habe ebenfalls ein Attest. Einlasserin I zieht sich offenbar zu Beratungszwecken zurück.

Die Szene wiederholt sich mit zwei Einlassern. Die Einlasser ziehen sich offenbar zu Beratungszwecken zurück.

Einerseits fängt gleich die Vorstellung an, also die richtige Vorstellung. Andererseits ist das jetzt auch schon spannend. Alle tragen eine Mund-Nase-Bedeckung, die uralte Dame trägt sie und der schwitzende Gymnasiast trägt sie, und keiner wird scharf darauf sein, aber so geht das Spiel, wenn man derzeit in Salzburg ins Theater will. Man hört die Klingel, einige drehen sich um und schauen mal, was für Leute das sind (Deutsche, peinlich, peinlich). Keiner sagt was. Doch, eine Wienerin sagt jetzt: „Sie müssten doch nicht hier sein, Herrgott, das ist doch freiwillig.“ Der Mann und die Frau gucken nach Art von Missetätern vor sich hin. Man hört wieder die Klingel, und es ist anzunehmen, dass sie davonkommen.

Da aber erscheint der Erzengel Michael in Form einer jungen Einlasser- und Einlasserinnenchefin mit goldenen Locken und freundlichem Lächeln. Sie wird flankiert von Einlasserin I und drei Einlassern, und sie sagt, nun müssten die beiden bitte ihre Masken aufsetzen, und sie interessiert sich nicht für unsichtbare Atteste, und sie sagt, nun müssten die beiden bitte ihre Masken aufsetzen, und die Frau sagt, sie hätten gar keine Masken. Und der Erzengel Michael lässt sich von einem der Einlasser zwei frische Mund-Nase-Bedeckungen anreichen, und sie schlüpft in die Reihe, die Menschen machen ihr Platz wie sonst nur das Rote Meer dem Volk Israel, und sie sagt, nun müssten die beiden bitte ihre Masken aufsetzen. Und da setzen die Frau und der Mann sie auf. Und bei der Frau guckt die Nase noch heraus, und Einlasserin I kann nicht widerstehen und bittet die Frau, die Maske doch bitte über die Nase zu ziehen, da es ja eigentlich Mund-Nase-Bedeckung heiße.

Dann geht das Licht aus, die Vorstellung beginnt. Schikane oder Sieg der Gerechtigkeit? Für die Umsitzenden keine Frage. Nicht mal, dass diese klassische Machtprobe an die Auseinandersetzungen zwischen dem Mathelehrer Herrn N. und dem Rabauken Sven erinnerte, konnte daran etwas ändern, im Gegenteil.

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