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An einem gebrochenen Herzen am Straßenrand in Paris fährt ein 2CV vorbei.

Times mager

Lyrische KI

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Ähnliches könnten wir als Teenager geschrieben haben, jetzt aber übernimmt die Rechner-Lyrik und ist auch nicht schlechter als wir damals.

Oft haben wir uns an dieser Stelle über Roboter und künstliche Intelligenz lustig gemacht. Über Roboter zum Beispiel, die zu nichts anderem gut sind, als eine frische Rolle Klopapier zu bringen. Über künstliche Intelligenz, die Geschichten (weiter)schreibt. Eine über einen Zauberer namens Harry P. zum Beispiel, der in der KI-Fortsetzung Probleme mit einer Türe hat, weil er sie mit dem Ellbogen öffnen will, damit sein Zauberstab virenfrei bleibt. Okay, das mit dem Ellbogen ist gelogen, das mit dem Zauberstab auch, Zauberstäbe sind grundsätzlich keimfrei, aber wir brauchten eine Überleitung zum nächsten Thema: KI und Corona.

Denn während wir bange beobachten, ob das Vis-à-vis in der S-Bahn ordnungsgemäß in die Armbeuge hustet (tut es nicht) oder ob Kollegin W. (Name geändert) sich nach dem Toilettenbesuch eigentlich 20 Sekunden die Hände wäscht (tut sie nicht), hat die KI die Zeit genutzt, die sie nicht zum S-Bahn-Fahren und zum Händewaschen braucht, um sich erstens ins Fäustchen zu lachen – und gern reicht sie uns dann dieses Fäustchen, das im Übrigen unbedenklich ist, solange es nicht schon vielen Menschenhänden gereicht wurde –, um sich zweitens vorzubereiten auf eine Übernahme derjenigen Tätigkeiten, die sie mittlerweile genauso gut kann.

Oder, na ja, fast genauso gut. Gedichte schreiben zum Beispiel. Testpersonen, darunter auch Literaturwissenschaftler, die Rechner-Lyrik und Menschen-Poesie vorgelegt bekamen, konnten nur etwa die Hälfte der Texte korrekt zuordnen. Manches Gedicht war ein ziemlich eindeutiger Fall (hier in wortgetreuer Übersetzung aus dem Englischen): „Mein Verlangen schön lechzt nach deinem verführerischen Enthusiasmus / Meine liebevolle Vernarrtheit hungert verführerisch nach deiner Zuneigung / Du bist meine lüsterne Sehnsucht. Mein neugieriges Verlangen. Du bist meine atemlose Vernarrtheit.“ Bei anderen konnte man sich schon schwerer tun: „Ich bin ein Kohlenwagen / neben einem gebrochenen Herzen / Ich habe keinen Klang / der Klang meines Herzens / Ich bin nicht.“ Ein gebrochenes Herz am Straßenrand, während der Kohlenlaster oder besser: 2CV vorbeifährt? Ähnliches könnten wir als Teenager geschrieben haben.

Gut, es gibt auch Computerviren, aber im Moment scheint uns die KI trotzdem deutlich im Vorteil. Bald werden Sie hier die erste KI-Glosse lesen und es gar nicht merken. Eine Amerikanerin, so ging es jetzt durch die Medien, hat zwei Jahre lang eine Pflanze regelmäßig gegossen, bis sie entdeckte, dass es sich um ein künstliches Gewächs, KG, handelte. Sie fand, es hätte wenigstens Gedichte vortragen können.

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