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Luft

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Von: Thomas Stillbauer

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Hanns Guck-in-die-Luft, aus dem Kinderbuch Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, aus Holz geschnitzt.
Hanns Guck-in-die-Luft, aus dem Kinderbuch Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, aus Holz geschnitzt. © imago

Der Hanns ist unterwegs. Auweia.

Voriges Jahr ist der Hanns Guck-in-die-Luft 175 Jahre alt geworden, nur echt mit Doppel-n vorne. Das hätte man ihm gar nicht zugetraut. Schon in jungen Jahren fiel er dauernd – „Pauz! Perdauz!“ – auf die Banatzel, weil er vor sich hinträumte: „Wenn der Hanns zur Schule ging/Stets sein Blick am Himmel hing.“ Hier über einen Hund gestolpert, da ins Wasser geplumpst.

Offenbar hat er es irgendwie überlebt. Vielleicht half ihm der Struwwelpeter, der zwar auch seine Macken hat, aber wenigstens guckt, wo er hinläuft, und den Hanns in sein Buch aufnahm.

Inzwischen ist der Hanns also ein sehr reifer Herr, doch wir wissen ja, wie das ist: Was das Hännschen nicht lernt … Also geht er kürzlich spazieren, wie er das seit einigen Monaten immer tut, am frühen Morgen. Der Weg zur Arbeit fällt weg. Vielleicht weil der Hanns jetzt Rentner ist, vielleicht auch wegen der allgemeinen Lage, die in vielen Professionen das Pendeln entbehrlich macht.

Der Hanns nun unterwegs. Vor ihm die Bahnschienen. Wir haben bereits so eine Befürchtung. Hinzu kommt: Wochenlang fuhr da keine Bahn. Wegen Gleisbettsanierung. Und der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sich ganz schnell daran gewöhnt, wenn keine Bahn mehr kommt, keine Gefahr mehr droht, aber dann ist das auch irgendwann wieder vorbei mit einer Gleisbettsanierung, und dann fährt die Bahn wieder.

Schon liegen die Schienen hinter dem Hanns, was ihm allerdings erst dadurch auffällt, dass da eine Bahn vorbeirauscht. Praktisch direkt in seinem Rücken. Fast spürt er noch den Windhauch. Gehupt oder geklingelt hat jedenfalls nichts, meint er.

Da erschrickt der Hanns ein wenig, und er holt seinen Blick aus der Luft herab auf den Boden. Was, wenn er gar nicht auf der anderen Seite angekommen ist? Was, wenn ihn die Bahn mitgenommen hat – und wer da weiterläuft, ist die nächste Version des Hanns? Was, wenn es längst unzählige Hannsversionen gibt, und alle leben ihr eigenes Leben, weil sie gar nichts von ihrem Los wissen, von Bahnen zerfahren, von Hunden gefressen, im Wasser versunken?

Was, wenn der Hanns nur deshalb immer noch herumläuft, weil er jedesmal wieder genau so weiterspaziert, den Kopf in den Wolken, wie er war, als es ihn erwischt hat, den verträumten Unaufmerksamen? Was, wenn die ganze Träumerei also jung hält und unverzagt?

Ist er sich jetzt selbst auf die Schliche gekommen, der Hanns? Gib Acht – der Bach! „Doch die Fischlein alle drei/Schwimmen hurtig gleich herbei/Strecken’s Köpflein aus der Flut/Lachen, daß man’s hören tut/Lachen fort noch lange Zeit.“ Mensch, bedenk die Ewigkeit.

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