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Beim Klavierunterricht ist Lügen erlaubt.

Times mager

Lügen am 1. April

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Die einen können es besser, die anderen schlechter. Bei den 15-Jährigen lagen am 1. April US-Jungs aus privilegierten Familien weit vorne.

Der 1. April 2019 hat alle Vorurteile bestätigt, nein, übertroffen. Der wackere Evangelische Pressedienst musste am frühen Abend eine Meldung zurückziehen, weil sie sich als Aprilscherz herausgestellt hatte. Aber die Meldung selbst war so unlustig, dass es wirklich keinen Grund gab, sie nicht zu glauben. Dadurch war es sogar eine der glaubwürdigsten Meldungen des Tages. Es hätte so sein können, es musste nicht so sein, es ist völlig schnuppe, und das nennt man dann Aprilscherz. Ein kluges Mädchen war zehn Minuten lang am Boden zerstört wegen einer düsteren Nachricht aus der Schule. Eine Fünfzigjährige klemmte sich einen Halsnerv ein, um schnell genug den vorbeirasenden Meteoriten zu sehen. Der eigene Versuch, trotz allem einen Aprilscherz zu lancieren, scheiterte wie in fast jedem Jahr an aufgeregtem Gekicher während des Vortrags.

Dabei hat die grundehrliche Mutter uns beigebracht, wie man notfalls (!) jede Lüge erfolgreich vermitteln kann. Man darf sie erst zur Anwendung bringen, wenn man sie bereits selbst vollständig glaubt. Das funktioniert, aber nicht am 1. April. Eine Lüge ist etwas, das man in bestimmten Situationen hervorbringt und anschließend nur noch notfalls davon abweicht. Mit einer Lüge bezweckt man etwas, es mag ein übel oder ein edel Ding sein – die Vermeidung von Kränkungen und der Selbstschutz in dramatischen, aber nicht justiziablen Lagen (also in der Schule, beim Klavierunterricht, in der Schule und in der Schule) –, aber ein Witz ist es nicht. Warum sollte ich nicht glauben, dass soeben jemand mit meinem Fahrrad weggefahren ist, außer ich habe kein Fahrrad. Das fällt mir aber erst 1 Sekunde später wieder ein. Das ist völlig normal, der Überraschungseffekt, die allgemeine Schreckhaftigkeit.

Delikater als die aktive ist unter Umständen die passive Lüge (anders als die halbpassive, die kaum eine Lüge ist: Wenn es nicht anders geht, lehrte die Mutter, spiele auf Zeit. Sag, dass du dich über die Einladung freust, aber noch nicht sicher bist, dass du auch Zeit hast). Die passive Lüge hingegen ist bloß ein bequemer Weg zur Aufschneiderei. Hierbei geht es ums Ja-Sagen, eventuell sogar nur ums Abwarten und darum, ein einigermaßen intelligentes Gesicht zu machen.

40 000 Teenager aus englischsprachigen Ländern wurden in dieser Sache jetzt getestet. Es waren, sieh an, vor allem männliche US-amerikanische 15-Jährige aus sogenannten privilegierten Familien, die sich nicht zimperlich zeigten und auch bei mathematischen Begriffen, die es gar nicht gibt (drei von 16 im Test, fiese Beispiele), angaben, sie zu kennen. Das ist nicht fein. Aber nie wird darüber gesprochen, dass man am 1. April die Mimik dafür trainiert.

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