Weltkulturerbe? Der Titel hat die Gegend um die Loreley nicht davor bewahrt, dass allerlei hineingebaut und - dübelt wurde.
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In dieser menschengemachten Landschaft um die Loreley soll ein „Eventhotel“, das „Slow Down Loreley“, entstehen.

Times Mager

Loreley down

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Weltkulturerbe? Der Titel hat die Gegend um die Loreley nicht davor bewahrt, dass allerlei hineingebaut und gedübelt wurde.

Rund um die Loreley ist es schon seit vielen, vielen Jahren ein Auf und Ab mit den real existierenden Verhältnissen. Diese betreffen die Baulichkeiten. Das Hinauf und Hinab an Stimmungen liegt also nicht mehr an der romantischen Natur, hier, in einer Zone des Mittelrheintals. Vielmehr ist die Natur in dieser Weltgegend durch das, was in sie hineininvestiert, hineingebaut und hineingedübelt wurde, in Mitleidenschaft gezogen worden.

Das soll auch so weitergehen. Denn seit geraumer Zeit wird in diese menschengemachte Landschaft auch ein „Eventhotel“ hineinprojektiert, das „Slow Down Loreley“: mit ihm in das Herzstück des Unesco-Welterbes Oberes Mittelrheintal ein fünfstöckiges Hauptgebäude, dazu zehn mehrstöckige „Hotelvillen“ mit 40 „Superior“-Zimmern. Wir reden nicht von Lyrik, sondern von Projektentwickler-Prosa.

Man weiß, was durch Marketing-Sprech heraufbeschworene Gefühle bedeuten – und warum sie so traurig machen, zumal in dieser Gegend, rund um den Loreleyfelsen, wo seit Jahrzehnten Unansehnlichkeiten zuhauf in eine romantische Ideallandschaft roh hineingepfuscht wurden. Wer sich umschaut, macht Augen, wie dieses Epizentrum deutscher Empfindsamkeit zu einem Sammelbecken architektonischer Indolenz herabsinken konnte.

Dessen ungeachtet wurde die Gegend mit dem Titel Weltkulturerbe geadelt. Grund dafür sicherlich Reminiszenzen, die Romantik zuallererst. Allerdings zeigt natürlich das romantische Gemüt Leidensfähigkeit, o, ja, die Romantik gilt nicht nur als sehr empfindsam, sondern als Ausdruck eines sehr tragischen Bewusstseins. Das mag erklären, warum man sich hier, den Rhein aufwärts, den Rhein abwärts, im Mittelrheintal, so vehement gegen den Bau einer Brücke gewehrt hat, obwohl das Ostufer abgeschnitten ist. Auf der Ostseite des uralten Grenzflusses wurde von einigen Bewohnern das böse Wort vom Zonenrandgebiet geprägt – die Problemzone ließ sich schon vor Jahren wirtschaftlich oder demografisch mit Bilanzen belegen. Oder ablesen an Bauruinen.

Dennoch keine Brücke, gegen die gefühlsbetont vorgegangen wurde. Komisch und nicht romantisch, dass jedoch bald schon dem Bau einer Sommerrodelbahn stattgegeben wurde, wodurch es rund um die Loreley aber nicht wieder verträumt wurde, sondern eher verwirrend. Das Welterbe-Komitee empfahl den Bau der Brücke und den Abbau der Eventbahn.

Beides kam nicht zustande, nicht der Brückenbau, nicht der Rodelbahnabbau. Wiewohl, in das Märchen vom Weltkulturerbe mit seiner gewaltigen Melodei lispelt es fortan „Slow Down Loreley“.

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