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Für jede E-Mail, die aus dem Fach „Gelöschte Elemente“ endgültig eliminiert wird, kommt irgendwo ein Katzenbaby gesund auf die Welt.

Times mager

Löschzug

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Der Flügelschlag eines Schmetterlings im Urwald ... und was bewirkt anderswo die Löschung von E-Mails?

Der innere Frieden, der davon ausgeht, gelöschte E-Mails endgültig aus der Welt zu schaffen, darunter siebzehn E-Mails mit der Betreffzeile „Ihr Postfach ist fast voll“ – jener innere Frieden kann durch nichts getoppt werden. Man sagt, für jede E-Mail, die aus dem Fach „Gelöschte Elemente“ endgültig eliminiert wird, kommt irgendwo ein Katzenbaby gesund auf die Welt.

„Tipp-Erinnerung: Hallo, es stehen Tippereignisse an, für die Sie noch keine Tipps abgegeben haben“: sieben gesunde Katzenbabys. „Mail-Sheriff: Spam-Verdacht“: dreihunderttausend gesunde Katzenbabys. „Werkstattwagen – günstig“: neunzigtausend gesunde Katzenbabys. Sicherheitskopien eigener Texte, an mich selbst gesendet, stets mit dem Präfix „Sichi“ im Betreff und daher so leicht zu erkennen: fünf Millionen gesunde Katzenbabys.

Die Zahlen sind sanft übertrieben, na klar, aber bei der Gelegenheit: Warum sendet jemand Sicherheitskopien seiner eigenen Texte an sich selbst? Klare Sache: Wenn er das nicht tut, verschwindet alles im Orkus und kann nie wieder genauso reproduziert werden. Geht die Sichi-Kopie auch nur ein Mal vergessen – zack, Systemabsturz, weg, alles weg. Kopf leer. Düsterkeit, Gram und Elend.

Man könnte meinen, gewisse Textverarbeitungssysteme, die daheim zuverlässig ganz von selbst Kopien anlegen, ohne dass man sie darum bittet, täten das auch sonstwo auf der Welt, automatisch und unaufgefordert. Nein. Tun sie nicht.

Nun ist es nicht so, als wäre die moderne EDV ein Schlund, der alles Geschriebene fräße. Verglichen mit den Zeiten, als die Bildschirme noch zwanzig Zentimeter breit und einen Meter tief waren, gleichen der heutige Komfort und die heutige Zuverlässigkeit einem öffentlichen Transportsystem, das es nicht gibt außer in Fernsehwerbefilmen der 90er Jahre („Urlaub von Anfang an“). Damals genügte es, an der falschen Stelle im Text die Tastenkombination Alt+e zu tippen: weg, alles weg. Kopf leer. Düsterkeit etc.

Da sind wir heute weiter. Das System verliert nichts, außer, du verdaddelst es selbst. Also machst du Sichi-Kopien. Von allem. Das ist ungefähr der gleiche Mechanismus wie: Regenschirm mitnehmen, damit es nicht regnet. Oder nur Niederlagen deines Herzensvereins tippen, damit dein Herzensverein nicht verliert.

Ein Kollege, der früher oft abends noch lang an seinem Schreibtisch saß, krähte den Nachhausegängern statt Tschüss gern hinterher: „Dreihundert Mails gelöscht!“, und neben ihm zwölf unbeachtete Kästen voller leerer Colaflaschen, das waren Zeiten.

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