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Es müsste Jahresendlisten geben, auf denen steht, was getrost zu ignorieren oder auf der Stelle zu vergessen ist.

Times Mager

Listenleiden

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Wie soll man das bis zum 1. Januar noch schaffen: Die zehn besten Bücher, die zehn besten Filme ... und Geschenke kaufen.

Die Zeit der Jahresendlisten rückt näher und jede dieser Listen ist dazu geeignet, die Winterdepression zu vertiefen. Die zehn besten Bücher: Neun bis elf davon wird man Ende 2019 nicht gelesen haben, das schließt die beiden ein, die einem jemand geschenkt hat und die seitdem auf dem Couchtisch liegen. (Von dem man den Bücherstapel 2018 weg und ins Regal räumen müsste, wo sich seit 19yz alle Bücher einfinden, die darauf warten, gelesen zu werden, sobald ihre Besitzerin in Rente geht.)

Die zehn besten Filme: Die laufen ja nur so kurz im Kino, das kann man gar nicht schaffen. Die zehn besten Musikalben: Den einen oder anderen Titel hat man sicher im Radio gehört, man kann also mitreden. Das heißt, man könnte mitreden, wenn man wüsste, von wem eigentlich man welche Musik im Radio gehört hat. Leider kann man sich so etwas nicht mehr merken, ungefähr seit man 19xy volljährig geworden ist.

Wie viel besser für den Seelenfrieden des Kulturbeflissenen wäre es doch, es gäbe Jahresendlisten, auf denen steht, was getrost zu ignorieren oder auf der Stelle zu vergessen ist. Was im Kino mit einer Woche sieben Tage zu lange läuft. Was zwar nebenbei zum einen Ohr eindringt, aber keine Ton-Spur hinterlässt. Was zwischen zwei Buchdeckeln Sätze enthält, die Pickel wachsen lassen, wie man sie seit der Pubertät nicht mehr hatte.

Zum Beispiel: „Der Mund des Herzogs schäumte über vor chaotischer Schmähung.“ Dies ist so elegant übersetzt, wie es im Englischen geschrieben wurde. Es findet sich in einem Text, mit dem die Zeitschrift „The New Yorker“, die oft schon für ein ungutes Gefühl sorgte, dies und das und nun auch noch jenes verpassen zu müssen, vorbildlich vorangeht in eine neue Ära der Kritik: Sie stellt den Schriftsteller Newton Booth Tarkington (1869-1946) vor und braucht nicht viele Zeilen bis: Lesen Sie ihn nicht.

Gerade sind in den USA zwei seiner Romane wieder aufgelegt worden, außerdem ist Tarkington einer von nur drei Autoren (neben Faulkner und Updike), die den Pulitzer-Preis für Belletristik zweimal erhielten, außerdem setzte ihn die „Times“ 1922 als einzigen Schriftsteller auf eine Liste der „zwölf größten zeitgenössischen amerikanischen Männer“, außerdem erinnert sich eine Großnichte, Onkel Booth sei „die beste Unterhaltung“ gewesen, die sie je gekannt habe. Und seine Einkünfte aus dem Schreiben reichten locker für eine Villa.

Tarkington muss ein reizender Mann gewesen sein. Man liest gern von ihm. Doppelt so gern, weil man an seine Bücher ja wohl keinen Gedanken verschwenden muss.

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